Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer bringt sie nur in schönes Kräuseln – nichts weiter.
Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. – Der Scirocco, und das ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen Scirocco gefahren, und nichts weiter? – Wohlan, Freund, weil wir denn einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose Elend, das kaum zu ertragen ist. Nervosität heißen sie das Ungeheuer, und wenn Scirocco geht – nun du weißt es ja.
Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. – Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und traurig sein könne.
Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.
An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament hinaus, das unten lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten. Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig wie ewig wolkenloser Himmel. – Nach Norden hin sah ich zwischen Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült? – Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen! In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein. Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. – Nein, ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne, Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen Luftbesen – ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel, wie wohl tut der Sturm!
Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in sich zusammen und verschwanden.
Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht: Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, die Stürme sind mein Atem. –
V.
Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel – je mehr Leute, je mehr Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen. Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar Menschen.
Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff. Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst – wo es am größten und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.