Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden. Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts zu holen als – Enttäuschung. – Die Scholle lädt überall, wo man auf sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, verletzt er sich daran zu Tode.

Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.

Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben – und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher, als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an sich selbst zu erinnern.

Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit (für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am Saume der Schwarzen Berge – oder wohin sonst an den istrischen und dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.

Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit. – Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut, das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch. Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus, wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. – Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr Mode geworden sind.

Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin. Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588 Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst, soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.

Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen, sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt, ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen. Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin, aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger, in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!

Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger kann man schon nicht mehr sein.