Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande, St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso. Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern? Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen Schneefeldern.

Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint, daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß von oben bis unten. So – nun gehe hin und erörtere es mit deinen Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.

Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch. Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet – das ist die große wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute rauben wollten, wurden verurteilt, die – Schwiegermütter zu heiraten, mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin zu entführen. – Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen Strafgerichts.


Inhalt.

Seite
Verhandlung zwischen Autor und Verleger[5]
Der Gutsherr auf Zurkow[14]
Das Mündel-Kindel[37]
Der Mädeljäger[52]
Lieb' läßt sich nicht lumpen[88]
Aus dem Tagebuch einer Ehefrau[104]
Die Kokette[120]
Ein Jünger Darwins[131]
Ehre[147]
Die Vierzehnte[160]
Der Taubstumme[167]
Hauptmann Fortner und seine Frau[176]
Scheintod[197]
In der Einsam[207]
Der Kammerdiener[218]
Der Millionär[228]
Philippus der Hasser[251]
Das Weihnachtsfeuilleton[266]
Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters besucht[275]
Das Bekenntnis eines Verurteilten[285]
Der verhängnisvolle Vorfall[302]
Mein Vetter, der Türke[317]
Reisebilder aus jungen Jahren[330]
Die sächsische Schweiz[330]
Aus der heiligen Stadt[334]
Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund[337]
Auf dem Rigi[342]
Aus dem Ungarlande[350]
Zu Mailand auf dem Dome[358]
Von der Kirche des heiligen Petrus[363]
In den Ruinen von Pompeji[370]
Auf den Wassern[376]

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.