A. (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen, Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben. Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben, daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte: Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. – Nun wissen wir es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte, aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig. Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur, sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«. Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. – Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind? Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir – die literarischen Bauernfresser – noch nichts gehört. – Wir sitzen noch auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit, als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen, effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. – Und indem wir also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist – sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der – aus hundertjährigem Schlafe plötzlich auffahrend – nach seinem Zopfe greift und nun mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare ausgegangen sind.

V. Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim Schopf nehmen kann. –

A. Weil er keinen hat.

V. Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser sind.

A. Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden meine Waldgeschichten wieder besser schmecken, sobald sie erst meine Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. – Gut, wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«


Der Gutsherr auf Zurkow.

Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. – Es war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker.