O Fremdling im Schatten des Pfeilers! Wenn dir ein ernstes Geschick den kindlichen Glauben genommen und nicht mehr zurückgibt — es ist des Weltkindes Märtyrtum, trage es männlich. Doch wehe dir, wenn du ans Heiligtum tastest, das andere hegen im blutenden Herzen! Laß brennen im Menschengemüte die Ampel, die ihnen erleuchtet des Erdenlebens finstere Pfade, des Grabes Schatten mit Morgenrot hellet, und schweig in Ehrfurcht, wenn auf wildem Meere weint und schreit und betet der Menschen gläubiges: Ora pro nobis!

[Ans Menschenherz.]

Lebensgenosse, verbirg mir dein Herz nicht. Ich weiß es, ich kenn' es, ich seh's an dem meinen.

Du hast dich gefürchtet. Dir graute vor Schatten; an Körpern, die sie geworfen, gingst du sorglos vorüber. Der Kindheit süßes Blut haben gesogen Vampyre der Angst in stillen Nächten. Schaudernd vor Geistern nahmst du den stärksten nicht wahr — den im eigenen Haupte. Nun ruhn die Gespenster, doch inne bist du des Weltalls Mächte, die dich im Augenblick können vernichten. Solange du nur für dich wolltest sein, war Angst dein Teil; seit du willig der Schöpfung lebst in gemeinsamer Sache, stehst du in Demut, doch furchtlos den Mächten, mit offener Stirn.

Du hast gehofft. Das Hoffen ist das beste Haben des Sterblichen. Doch der tröstenden Mutter Hoffnung boshaftes Kind heißt: Enttäuschung. Wohl dir, wenn die Hoffnung dich treu zum Grab trägt; wehe dir, wenn unterwegs sie dich fallen läßt auf sandigen Boden, wo unter Disteln und Dornen Verzweiflung wächst! Ich spotte der Hoffnung nicht, sie ist das Gedicht meiner Seele, des kindischen Herzens liebliches Spielzeug.

Du hast gehascht. Von Sinnen gestachelt wie toll gejagt nach Genüssen — nach Geld, nach Ruhm und anderen Dingen, die das Leben zieren, aber nicht erfüllen. Wie leicht ist dir manches geworden, zur Wirklichkeit wuchs der Gedanke, bevor er noch Wunsch war. Mit Schmerz und Entbehrung verglichen nur waren es Güter, nur mit dem Maßstab des Leides gemessene Freuden. Von andern beneidet, fragst du befremdet das Schicksal: Ist denn das alles? Mehr als erwartet und doch nicht befriedigt! Es muß in den prunkenden, allumworbenen Gütern der Welt etwas faul sein.

Du hast gehaßt. O nichts vergiftet das Herz mehr, als leidiges Hassen. Die Gier, sich zu rächen, verzehrt das eigene Leben. Nie geht der Herzschlag so wild, als wenn er Waffen schmiedet gegen den Feind; die lohende Esse der Brust versengt den heiteren Frieden. Ich habe die Lust zu hassen dem Teufel zurückgegeben, sie mag der Verdammten Seligkeit sein. Der Erdsohn wandelt auf Gräbern, sein Haupt reifet hehrer Vollendung entgegen im Lichte des Himmels.

Du hast dich, Lebensgenosse, der Liebe ergeben. Die Lieb' zu dir selbst, mit der fing es an, und bald kam die Liebe zu zweien; diese gebar dir schmerzlich und vielfach die Lieb' zu den Kindern. Die selige, zitternde Liebe voll Glück und voll Bangen. Armes gepeinigtes Herz! Heute trotzend in Panzern von Eis, morgen fiebernd in Gluten, an solcher Liebe Glück sachte verblutend. Und das nennt man Leben! Wie du, so wir alle — lächeln nach außen und schluchzen im Innern. — Nun kommt das Erbarmen. Die selbstlose Liebe, die am Kreuz ihre Hände noch ausstreckt, die Welt zu umarmen. Liebreich und gut sein mit jedem. Gibt man dir Liebe, gib Liebe zurück. Fügt man dir Leid zu, so gib dafür Liebe. Lähme die Feinde mit Liebe, größer, gewaltiger rächt sich auch Gott nicht.

O milde Liebe! Wer anderen wohlwill und wohltut, erlöset sich selber. Der Unfried in dir geht zur Ruh, wenn du Fried' hast mit anderen. Die tiefste Wunde des eigenen Herzens vernarbt, wenn du sie anderen heilest. In deines Gemütes üppigem Garten, tief unter Unkraut keimet ein Pflänzlein; heute noch zart mit tauender Blüte, kann es bei treuer Pflege morgen ein herrlicher Baum sein. Ein Baum der wahren Erkenntnis, an welchem die Früchte reifen, nach denen wir lechzen. O haltloser Mensch, von Furcht und von Hoffnung betört, von Gier und von Haß gehetzt, müßtest du stürzen, vergehn, wie der Hirsch, das Blei in der Brust, verblutet im Moorgrund. Zur Urkraft steh! Gesell dich im Streite der göttlichen Siegerin zu. Dich rettet die Liebe.