[Es zieht ein Segen von Haus zu Haus.]

Zum Schillertag 1905.

Es zieht ein Segen von Haus zu Haus;
Es klingt in den Lüften und klingt nie aus,
Es rauscht in den tiefen Gewässern.
Es ruht in der Erde und keimt empor,
Es blüht aus den holden Maien hervor
Und glüht in den Herzen der Bessern.

Es leuchtet und tost ein gewaltiger Strom
Dahin durch des Himmels ewigen Dom,
Daß der Erde Urgrund erbebet.
Es tönet ein zarter, süßer Gesang
Wie Saitenzittern, wie Nachtigallklang,
Der alles weckt und belebet.

Wir fühlen im Herzen der Liebe Hauch,
Das Sehnen nach Großem, die Hoffnung auch
Zu schauen einst glückliche Zonen.
Ein heiliger, glühender Geist durchzieht
Wie Sonnenleuchten das dunkle Gemüt,
Die höchste der Religionen. —

Sein Sterben doch mach' uns nicht zag,
Hie Todestag — hie Ostertag,
Der Geist wird freigegeben.
Wenn große Menschen schlafen gehn,
So ist es ein neues Auferstehn
Zu wahrem, wirkendem Leben.

Und wie die Glocke auf dem Turm
Durch dieses Lebens Fried' und Sturm
In Freud' und Leid uns läutet,
So Friedrich Schillers hehrer Sang
Dem Menschensohn auf lebelang
Viel Trost und Heil bedeutet.

Sein Lied ist es, sein Dichterwort —
Schon tönt's ins zweite Jahrhundert fort
Und hallet im dritten wieder.
Der Hirt in der Alpen Himmelsnäh',
Der Schiffer auf ferner, wildwogender See
Empfindet und singt seine Lieder.

Sein Lied ist es, der schmetternde Ruf,
Der Sklaven den Drang zur Freiheit schuf
Und sie zu Menschen erkoren.
O kennt ihr des Sängers wildweckenden Schrei:
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und wär' er in Ketten geboren!