Dabei ist auch der greuliche Irrtum gestraft, dass man gelehrt hat, unser Herr Christus habe durch seinen Tod allein fuer die Erbsuende genuggetan und die Messe eingesetzt zu einem Opfer fuer die andern Suenden, und also die Messe zu einem Opfer gemacht fuer die Lebendigen und Toten, dadurch Suenden wegzunehmen und Gott zu versoehnen. Daraus ist weiter gefolgt, dass man disputiert hat, ob eine Messe, fuer viele gehalten, also viel verdiene, als so man fuer einen jeglichen eine sonderliche hielte. Daher ist die grosse, unzaehlige Menge der Messen gekommen, dass man mit diesem Werk hat wollen bei Gott alles erlangen, das man bedurft hat, und ist daneben des Glaubens an Christum und rechten Gottesdienstes vergessen worden.

Darum ist davon Unterricht geschehen, wie ohne Zweifel die Not gefordert, dass man wuesste, wie das Sakrament recht zu gebrauchen waere. Und erstlilch, dass kein Opfer fuer [die] Erbsuende und andere Suende sei denn der einige Tod Christi, zeigt die Schrift an vielen Orten an. Denn also steht geschrieben zu den Hebraeern, 10, 10, dass sich Christus einmal geopfert hat und dadurch fuer alle Suenden genuggetan. Es ist eine enerhoerte Neuigkeit, in der Kirche lehren, dass Christus' Tod sollte allein fuer die Erebsuende und sonst nicht auch fuer andere Suende genuggetan haben; derhalben zu hoffen, dass maenniglich [jedermann] verstehe, dass solcher Irrtum nicht unbillig gestraft sei.

Zum andern, so lehrt St. Paulus, dass wir vor Gott Gnade erlangen durch [den] Glauben und nicht durch Werke. Dawider ist oeffentlich dieser Missbrauch der Messe, so man vermeint, durch dieses Werk Gnade zu erlangen, wie man denn weiss, dass man die Messe dazu gebraucht, dadurch Suende abzulegen und Gnade und alle Gueter bei Gott zu erlangen, nicht allein der Priester fuer sich, sondern auch fuer die ganze Welt und fuer andere, Lebendige und Tote.

Zum dritten, so ist das heilige Sakrament eingesetzt, nicht damit fuer die Suende ein Opfer anzurichten (denn das Opfer ist zuvor geschehen), sondern dass unser Glaube dadurch erweckt und die Gewissen getroestet werden, welche durchs Sakrament erinnert werden, dass ihnen Gnade und Vergebung der Suenden von Christo zugesagt ist. Derhalben fordert dies Sakrament Glauben und wird ohne Glauben vergeblich gebraucht.

Dieweil nun die Messe nicht ein Opfer ist fuer andere, Lebendige oder Tote, ihre Suenden wegzunehmen, sondern soll eine Kommunion sein, da der Priester und andere das Sakrament empfangen fuer sich, so wird diese Weise bei uns gehalten, dass man an Feiertagen, auch sonst, so Kommunikanten da sind, Messe haelt und etliche, so das begehren, kommuniziert. Also bleibt die Messe bei uns in ihrem rechten Brauch, wie sie vorzeiten in der Kirche gehalten, wie man beweisen mag aus St. Paulo, 1 Kor. 11, dazu auch vieler Vaeter Schriften. Denn Chrysostomus spricht, wie der Priester taeglich stehe und fordere etliche zur Kommunion, etlichen verbiete er hinzuzutreten. Auch zeigen die alten Canones an, dass einer das Amt gehalten hat und die andern Priester und Diakonen kommuniziert. Denn also lauten die Worte im canone Nicaeno: "Die Diakonen sollen nach den Priestern ordentlich das Sakrament empfangen vom Bischof oder Priester."

So man nun keine Neuigkeit hierin, die in der Kirche vor alters nicht gewesen, vorgenommen hat, und in den oeffentlichen Zeremonien der Messe keine merkliche Aenderung geschehen ist, allein dass die andern unnoetigen Messen, etwa durch einen Missbrauch gehalten, neben der Pfarrmesse, gefallen sind, soll billig diese Weise, Messe zu halten, nicht fuer ketzersich und unchristlich verdammt werden. Denn man hat vorzeiten auch in den grossen Kirchen, da viel Volks gewesen, auch auf die Tage, so das Volk zusammenkam, nicht taeglich Messe gehalten, wie Tripartia Historia, lib. 9, anzeigt, dass man zu Alexandria am Mittwoch und Freitag die Schrift gelesen und ausgelegt habe und sonst alle Gottesdienste gehalten ohne die Messe.

Der XXV. Artikel. Von der Beichte.

Die Beichte ist durch die Prediger dieses Teils nicht abgetan. Denn diese Gewohnheit wird bei uns gehalten, das Sakrament nicht zu reichen denen, so nicht zuvor verhoert und absolviert sind. Dabei wird das Volk fleissig unterrichtet, wie troestlich das Wort der Absolution sei, wie hoch und teuer die Absolution zu achten; denn es sei nicht des gegenwaertigen Menschen Stimme oder Wort, sondern Gottes Wort, der da die Suende vergibt. Denn sie wird an Gottes Statt und aus Gottes Befehl gesprochen. Von diesem Befehl und Gewalt der Schluessel, wie troestlich, wie noetig sie sei den erschrockenen Gewissen, wird mit grossem Fleiss gelehrt; dazu, wie Gott fordert, dieser Absolution zu glauben, nicht weniger, denn so Gottes Stimme vom Himmel erschoelle, und uns dero [deren] froehlich troesten und wissen, dass wir durch solchen Glauben Vergebung der Suenden erlangen. Von diesen noetigen Stuecken haben vorzeiten die Prediger, so von der Beichte viel lehrten, nicht ein Woertlein geruehrt, sondern allein die Gewissen gemartert mit langer Erzaehlung der Suenden, mit Genugtun, mit Ablass, mit Wallfahrten und dergleichen. Und viele unserer Widersacher bekennen selbst, dass dieses Teils von rechter christlicher Busse schicklicher denn zuvor in langer Zeit geschrieben und gehandelt sei.

Und wird von der Beichte also gelehrt, dass man niemand dringen soll, die Suende namhaftig zu erzahlen. Denn solches ist unmoeglich, wie der Psalm 19, 13 spricht: "Wer kennt die Missetat?" Und Jeremias 17, 9 spricht: "Des Menschen Herz ist so arg, dass man es nicht auslernen kann." Die elende menschliche Natur steckt also tief in Suenden, dass sie dieselbe nicht alle sehen oder kennen kann, und sollten wir allein von denen absolviert werden, die wir zaehlen koennen, waere uns wenig geholfen. Derhalben ist nicht not, die Leute zu dringen, die Suende namhaftig zu erzaehlen. Also haben auch die Vaeter gehalten, wie man findet distinct. 1, De Poenitentia, da die Worte Chrysostomi angezogen werden: "Ich sage nicht, dass du dich selbst sollst oeffentlich dargeben, noch bei einem andern dich selbst verklagen oder schuldig geben, sondern gehorche dem Propheten, welcher spricht: Offenbare dem Herrn deine Wege, Ps. 37,5. Derhalben beichte Gott dem Herrn, dem wahrhaftigen Richter, neben deinem Gebet; nicht sage deine Suende mit der Zunge, sondern in deinem Gewissen." Hier sieht man klar, dass Chrysostomus nicht zwingt, die Suende namhaftig zu erzaehlen. so lehrt auch die Glossa in Decretis, De Poenitentia, distinct. 5, cap. Consideret, dass die Beichte nicht durch die Schrift geboten sondern durch die Kirche eingesetzt sei. Doch wird durch die Prediger dieses Teils fleissig gelehrt, dass die Beichte von wegen der Absolution, welche das Haupstueck und das Vornehmste darin ist, zum Trost der erschrockenen Gewissen, dazu um etlicher anderer Ursachen willen zu erhalten sei.

Der XXVI. Artikel. Vom Unterschied der Speise.