Noch vor wenigen Jahren war die Ueberfahrt kostspieliger und bei der Unerfahrenheit der damaligen Schiffskapitäne langsamer. Sie gebrauchten dazu oft sechszig bis achtzig Tage, manchmal sogar drei bis fünf Monate. Viele der Auswanderer waren sodann ausser Stand zu zahlen; hatten ihr Geld oft schon beim langen Aufenthalt im Hafen verzehrt. Dann pflegten sie sich, um die Ueberfahrt zu zahlen, dem Kapitän auf längere oder kürzere Zeit in Arbeit zu verdingen, und dieser verkaufte sie, oder vielmehr ihre Arbeitsverpflichtung, wenn er nach Amerika kam, an Andere, die das Meiste boten.

Die Regierung von Amerika hat diesen schändlichen Handel durch ein Gesetz verboten, und alle dergleichen Verträge zwischen Kapitänen und Reisenden aufgehoben. Seitdem nimmt kein Kapitän mehr Ueberfahrende an, ohne das Frachtgeld vorher baar erhalten zu haben.

Viele von den Ankömmlingen, die ich nachmals in verschiedenen Gegenden Amerika's sprach, und welche die Ueberfahrt auf Schiffen anderer Stationen gemacht hatten, erzählten mir von seltsamen Meer-Abentheuern, denen ich kaum Glauben schenken konnte. Ein Aargauer, der im Jahr 1817 mit 450 Würtembergern und Schweizern die Ueberfahrt von Holland aus gemacht hatte, erzählte: daß man nach sechs Wochen auf dem Meere endlich die Portionen Lebensmittel habe auf ein Drittel einschränken müssen; daß sich deswegen viele dem Kapitän verkauft hätten; daß bei 150 Menschen durch Hunger und Krankheit auf dem Meer umgekommen wären, und erst nach einem Vierteljahre New-York erreicht hätten. Gewiß ist, daß einige, die ihre Ueberfahrt bezahlt hatten, nachher ihre Klage gegen den Kapitän aufsetzten und sie Regierungsgliedern überreichten. Der Kapitän wurde vor den Richter berufen, und da er sich nicht ganz rechtfertigen konnte, zu einjähriger Gefangenschaft und zum Verlust seines Schiffes verurtheilt. Die Reisenden wurden von den eingegangenen Verträgen frei gemacht. Und seit dieser Zeit ists auch, daß jenes Gesetz erschien, um alle Mißbräuche dieser Art abzuschaffen.

9.
Eine Tagreise nach Philadelphia.
(24. Juli.)

»Wie weit ists von hier bis zur Hauptstadt Pensylvaniens?« fragte ich.

»Vormals ziemlich weit,« war die Antwort; »man mußte mehrere Tage unterwegs zubringen. Jetzt aber können Sie bei uns in Baltimore frühstücken und in Philadelphia zu Abend speisen. Die beiden Städte sind einander sehr nahe gerückt worden. Es sind, von Baltimore dahin, dreiunddreißig Stunden.«

In der That, wohin man bald gelangen kann, das ist nicht sehr entfernt. Je mehr sich die Vereinstaaten beleben, mit Kunststraßen, Kanälen und Schifferflüssen durchschnitten werden, Eilwagen und Dampfboote sich vervielfältigen und vervollkommnen, je kleiner wird dies ungeheure Gebiet, in welches man ziemlich bequem den größten Theil Europas hineinlegen kann.

Ich bestieg an einem schönen Morgen um fünf Uhr das Dampfschiff Richmond, welches, mit der Kraft von siebenzig Pferden, regelmäßig die Fahrt von New-York nach Albany macht. Ob ich gleich manches Dampfboot schon gesehen hatte, überraschte mich doch dieses durch seine Sauberkeit, innere Schönheit und die Pracht der Zimmergeräthe und Verzierungen. Der Dampf hörte auf zu zischen; das Räderwerk gerieth in Bewegung, und mit wunderbarer Geschicklichkeit flog das Boot mitten durch die Menge der Fahrzeuge, welche das Gewässer des Hafens bedeckten. Kaum von der Rhede etwas entfernt, kam uns das Dampfschiff the Maryland entgegen, das von Charlestown und Norfolk nach Baltimore gehend, uns einen Reisenden abgab, welcher nach New-York wollte.

Wenn man aus dem Hafen kömmt, mag die Chesapeakbay eine starke Viertelstunde breit sein und nimmt dann den Namen Susquehanna von dem Fluß an, der aus den Alleghanybergen in zwei verschiedenen Strömen kömmt. Diese Ströme vereinigen sich zu Sunbury ehe sie in die Chesapeakbay fallen.

Um acht Uhr wurde zum Morgenmahl geläutet. Jedermann setzte sich zum Tisch, wie ihm gefiel. Es waren der Reisenden ohngefähr sechszig Personen. Das Frühstück war, wie gewöhnlich, in üppiger Fülle aufgetischt; Kaffee, Rindfleisch, Geflügel, Fisch, auf mancherlei Weise bereitet; Backwerk, Butter und die sweah patatoes, oder süße Erdäpfel nicht zu vergessen, vom feinsten Geschmack, welche mein Lieblingsbissen blieben, so lange ich in Amerika war.