Man hat jetzt seit Kurzem einen Theil des Hafens ausgetrocknet, wodurch die Luft reiner und gesunder geworden ist. Es sind Flußgraben geöffnet, so, daß die Fahrzeuge in der Nähe der Vorrathshäuser landen können. Diese Kanäle ziehen sich manchmal eine halbe Wegstunde vor bis in die meisten Straßen der Stadt. Neben den Kanälen sind auf beiden Seiten Hochstraßen für Fuhrwerk. Zwischen den Häusern über den Dächern ragen daher die Masten der Schiffe mit ihren flatternden Wimpeln empor. An den Ufern rollen prächtige Lust- und Reisewagen entlang, Karren von Negern gezogen und gestoßen; zierliche Kaufläden sind seitwärts geöffnet, deren Reichthum den europäischen nicht nachsteht. Eine regsame Menschenmenge schwärmt durch die lichten Straßen. Der Großtheil der Wandelnden ist immer in sauberer und geschmackvoller Kleidung. Es hat Alles alle Tage sonntägliches Ansehen.
Jeden Morgen, ehe noch die Thürme im Goldstrahl der Sonne leuchteten, erwacht' ich vom verworrenen Gesang mehrerer Stimmen. Ich ward neugierig, woher diese Klänge, und ging ihnen eines Tages nach. Sie kamen vom Hafen. Ich sah auf einem Schiff acht Neger beschäftigt, es auszuladen. Alle ihre Bewegungen geschahen im strengen Zeitmaß und begleitet von einem Sang, den einer von ihnen angestimmt hatte. Die Töne, mit weniger Abwechselung, erhoben oder senkten sich, je nachdem der Waarenballen mehr oder minder schwer war, der bewegt wurde. Ich fand diese Art melodisch zu arbeiten nachher noch öfter bei den Negern. Man sagte mir, daß diese Unglücklichen sich in den ersten Monaten ihrer Gefangenschaft einer solchen Schwermuth überliessen, daß sie zuletzt gegen die Mahnungen ihrer Herren, selbst gegen Schläge ganz unempfindlich würden. Nichts könnte sie dann erheitern, als ihr Gesang. Man nöthige sie, zu Allem zu singen. So singen sie nachher zu aller Arbeit und bewahren dadurch ihre Munterkeit.
8.
Die Auswanderer.
Um mehr in der Mitte der Stadt zu sein, wohin ich von meinem Gasthof wohl eine halbe Stunde Wegs hatte, wählte ich einige Tage nach meiner Ankunft den Gasthof zur Indian Queen. Im ersten hatte ich wöchentlich, bei täglichen drei Mahlzeiten, 4 Dollars (ungefähr 1 Louisd'or) bezahlt; in diesem war der Preis täglich 1¼ Dollar. Die Reisenden wurden durch sechs Neger und Mulatten bedient; dreimal des Tages war die Tafel gedeckt, mit ausgewählten Speisen besetzt und die Gesellschaft am Tisch zahlreicher. Es waren mit mir etwa achtzig Reisende da und sehr wenig Europäer unter denselben. Der Wirth hält ein Buch, worin der Name seiner Fremden eingetragen ist. Das aber ist keine Polizeimaßregel, wie in Europa, sondern Uebung. Die Polizei drängt sich hier nicht in Alles ein. Man setzt voraus, die Mehrheit der Reisenden bestehe aus rechtlichen Menschen, und unterwirft diese nicht den demüthigenden und beleidigenden Verfügungen, die man einiger Schelmen willen erfunden hat. Man reiset durch alle Staaten Amerika's, ohne auch nur eines Passes zu bedürfen, und sich damit beim Thor jedes Städtleins und jeder Polizeibehörde ausweisen, verzögern und oft plump genug behandelt sehen zu müssen.
Kömmt ein Reisender ans amerikanische Ufer, muß er erst seinem Schiffskapitän den Werth seiner Waaren genau angeben, dann hernach beim Zollamt den Werth des Verkauften. Ein jährlich vom Kongreß bestimmter Tarif bezeichnet, was davon zu entrichten ist. Uebersteigt die Abgabe fünfzig Piaster, gewährt man Zahlungsfristen von sechs, neun und zwölf Monaten. Man hält sich an das gegebene Wort. Und Alles geht ganz gut dabei. – Es ist dies allerdings merkwürdig. Werden denn die Leute ehrlicher und rechtlicher, wenn sie amerikanische Luft athmen? – Ich möchte beinahe glauben, es würden die Unterthanen der europäischen Regierungen viel besser werden oder sein, wenn die Regierungen ihnen mehr Redlichkeit zutrauten. Man verkrüppelt Völker nicht nur, wie in der Türkei, durch rohe, gesetzlose Härte und Grausamkeit zu sklavischen Wesen, die mit den Lastern des Sklaventhums behaftet stehen, sondern auch durch unbesonnene Gesetzgebungen, in denen kein Glaube an die menschliche Tugend, keine Achtung des jedem Menschen eigenthümlichen Ehrgefühls, keine Schonung der Würde des Menschen, auch im Aermsten, vorherrscht. Mustert die Gesetzgebungen der meisten Länder: sie scheinen für Botany-Bai-Leute geschaffen zu sein.
Die heitere, freie, anständige Bewegung der Einwohner Baltimore's auf Straßen, öffentlichen Plätzen u. s. w. fand ich im Innern der Familien wieder. Ich ward einigemal in die Abendgesellschaften eines der ersten Häuser, bei Herrn G...., eingeladen. Die Frauenzimmer machten nach dem Thee Musik mit Gesangbegleitung; man plauderte, scherzte, spielte. Es war hier Alles ohngefähr wie bei uns in ähnlichen guten Gesellschaften; nur weniger gezwängt, steif und gesucht, viel heiterer und jeder mehr sich hingebend.
Noch muß ich doch auch ein Wort von meinen europäischen Reisegefährten, den Auswanderern, sagen. Den Tag nach der Ankunft im Hafen, gingen die Auswanderer ebenfalls ans Land und schickten sich an, in die westlichen Gegenden der Vereinstaaten zu reisen, meistens in kleinen Caravanen von acht bis zehn Personen. Manche waren schon ganz von Geld entblößt. Sie wandten sich an eine sehr achtungswürdige Gesellschaft in Baltimore, und die beiden ärmsten Familien, die eilf Personen stark waren, erhielten ein Pferd für sich und 40 Piaster. Sie zogen, wie der größte Theil solcher Ankömmlinge, den Ufern des Ohiostroms zu.
Auch das amerikanische Schiff Elisabeth war in New-York, und früher, als der Hyperion, mit mehr denn vierzig Reisenden angekommen, wie ich erfuhr. Diese, meistens Schweizer, zogen an den Ufern des Hudson aufwärts und folgten dem großen Kanal bis zum Erie-See. Das Schiff Boston kam fast gleichzeitig mit 120 Kolonisten, Elsassern und Schweizern, größtentheils Wiedertäufern, in Alexandria in Virginien an. Auch diese wanderten vom Ufer des Potomak zum Ohio. Eben so andere Auswanderer, die einige Wochen später auf zwei Schiffen von Havre ankamen. – Jährlich strömt aus Europa eine unglaubliche Menge arbeitsamer, gewerbfleißiger Familien nach Amerika. Und doch – wie große Strecken Landes entbehren in Europa noch des Pfluges und des Kunstfleißes!
Wie schon gesagt, sind in jedem Fall die amerikanischen Schiffe allen andern zur Ueberfahrt vorzuziehen. Sie brauchen gewöhnlich von Europa nach dem neuen Welttheil nicht mehr, als zwanzig bis vierzig Tage, und zur Rückfahrt nach Europa etwa zwanzig bis dreißig. Zwölf Schiffe, die den Namen Packboote tragen, machen zwischen Havre und New-York den regelmäßigen Dienst; zwölf andere eben so von Grenok nach New-York; zwölf von London und sechszehn von Liverpool eben dahin. Jedes dieser Schiffe macht die Hin- und Herfahrt dreimal im Jahre. In jedem derselben ist der Preis für einen Platz in der Kajüte zu dreißig Guineen (ohngefähr dreißig Louisd'or) oder 140 Dollars. Man hat dafür täglich drei wohlgewählte Mahlzeiten nebst dem Wein; zum Nachtisch Madera; Sonntags Champagner.
Diejenigen, welche weniger Bequemlichkeit verlangen und unterwegs sparen wollen, finden beim Kapitän eines Kauffahrteischiffes leicht den Platz zu zwanzig Louisd'or. Die Auswanderer auf dem Hyperion zahlten für die Person nur ohngefähr sechs Louisd'or; beköstigten sich aber selbst; schliefen im Zwischenverdeck, hatten aber Holz zum Kochen und süßes Wasser frei. Matratzen, Fleisch, Wein, Schiffszwieback, hatten sie von Havre mitgenommen, und auf die Person für vier Louisd'or Lebensmittel berechnet.