Mein erster Gang war in einen Gasthof. Man saß eben zum Mittagsessen. Ich brachte eine Eßlust mit, als hätt' ich auf dem Meere vier Wochen gefastet. – Ländlich, sittlich! Ich mußte mich bequemen, um nicht auffallend zu werden, mit dem Messer in der rechten, mit der Gabel stets aber in der linken Hand zu essen, und beide queer über den Teller zu legen, wenn man mir keine Speisen mehr darbieten sollte. Ich war noch nicht halb gesättigt, als meine Tischgenossen schon Feierabend machten. Ueberhaupt bemerkte ich durchgehends nachher auf meinen Reisen im Lande, daß die Amerikaner am Tische sehr mäßig sind. Selten nimmt man beim Frühstück oder Nachmittags mehr, als zwei Tassen Thee oder Kaffee. Aber beim Thee und Kaffee wird jedesmal zugleich Geflügel, Fisch, Backwerk, Brod, Butter u. s. w. aufgetragen. Die Frau des Hauses bedient die Gäste. Bei der Mittagstafel wird Bier zum Trinken gegeben und guter Branntwein mit Wasser verdünnt.
Der Sauberkeit und Zierde der Straßen und des Aeussern der Häuser entspricht überall das Innere der Wohnungen. Man wird wenig Wohnungen finden, wo der Fußboden nicht mit einem schönen türkischen Teppich bedeckt, und von der Hausflur bis zum obersten Gemach des Hauses nicht jede Treppe es ebenfalls wäre.
Von den öffentlichen Denkmälern zeichnete sich das zu Ehren Washingtons, und ein anderes, nicht weit von einem Brunnen, zum Gedächtniß jener Bürger aus, die bei Vertheidigung der Stadt gegen die Engländer im letzten Kriege das Leben fürs Vaterland opferten. Ihre Gebeine ruhen unter dem Denkmale. Ihre Namen alle sind in den Marmor des Fußgestells eingegraben.
Die katholische St. Pauls-Kirche könnte neben den schönsten Tempeln Europens aufgezählt werden. Der Kirchen für die andern christlichen Konfessionen mögen etwa noch achtzehn sein. Zuweilen stehen sie dicht neben einander. Jeder, ohne Groll gegen den Nachbar, geht in das Gotteshaus, wohin ihn sein Herz und sein Glaube rufen. Das ist die Wirkung der wahren Religionsfreiheit, während man in Europa höchstens in den gebildeten Ländern nur die Duldung kennt und sich mit religiöser Toleranz, als wäre sie eine große Tugend, brüstet. – Das ist in Amerika die Wirkung einer weisen, vernünftigen Gesetzgebung. Die Menschen sind sich hier, wie vor dem weltlichen, so vor dem göttlichen Gesetz in ihren Rechten gleich. Die Europäer werden noch lange Zeit große und kleine Bücher über das Verhältniß der Kirche zum Staat schreiben, indem die einen den Staat in die Kirche, als in das Höhere und Allumfassende, hineinstellen, andere die Kirche dem Staat unterordnen, und wieder andere Staat und Kirche, Kaiser und Papst, in gleichen Würden neben einander setzen.
Die Amerikaner haben die Streitfrage der europäischen Staatsmänner und Professoren längst und auf die naturgemäßeste Weise gelöst. Der Staat, diese große Anstalt für Rechtssicherheit und Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft, hat kein Befugniß, über religiöse Ueberzeugungen, über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Den Bürgern ist es anheimgestellt, in derjenigen Form oder kirchlichen Ordnung ihre gemeinschaftlichen Gottesverehrungen zu veranstalten, die ihren Ueberzeugungen am meisten entspricht. Wie mannigfaltig und verschieden dieselben sein mögen, der Staat hat nicht darüber zu entscheiden, welche Form die bessere, welche Kirche die alleinseligmachende sei. Allein alle Bürger sind Eigenthümer gleicher Rechte; der Staat ist da, um sie alle in den kirchlichen Verhältnissen ihrer Wahl zu schützen. Von der andern Seite aber darf auch keinerlei Kirchenthum zerstörend auf die öffentliche Ordnung des bürgerlichen Lebens einwirken, noch weniger sich, durch priesterschaftlichen Stolz geleitet, weltliches Recht und Ansehen in Staatsverfassung oder Staatsführung anmaßen.
»Lauheit, Indifferentismus!« rufen dabei in Europa unsere geistlichen Herren (denn Herrn wollen sie gern sein!).
Merkwürdig ists, daß eben diese Herren fort und fort über Verfall der Religion, Abnahme der Andacht, schlechten Besuch des Gottesdienstes schreibend und predigend klagen. In Amerika klagt man nicht über Indifferentismus. Hier wetteifern alle christlichen Kirchenparteien auf oft rührende Weise in gottesdienstlicher Frömmigkeit. Hier sind in den größern und kleinern Städten die Kirchen stets von Betern erfüllt, und in den weiten Einsamkeiten junger Pflanzungen sieht man Pflanzerfamilien oft lange Tagreisen bis zur nächsten Kapelle oder Kirche machen. Wenn sich eine Stadt bildet oder ein Dorf – so weit ich gekommen bin –, und alle Hütten noch gebrechlich und hölzern sind, stehen zuerst immer zwei große Gebäude massiv und kostbar aufgeführt da: das Rathhaus und der Tempel.
Den ersten Sonntag, welchen ich auf amerikanischer Erde erlebte, tönte von allen Seiten das Geläut der Kirchenglocken. Es war der 18. Juli. Ich verließ meinen Gasthof und folgte dem ersten Zuge von Menschen, den ich sah, zu einer der Kirchen. Der Prediger war auf der Kanzel; ihm zur Rechten saß der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Man sang die Psalmen mit vieler Harmonie. Dann las der Prediger einen Bibeltext und sprach über die Unerfahrenheit und Ungeduld der Menschen, indem sie ihre Glücks- und Unglücksfälle dem Vertrauen auf eigene Kräfte anheimstellen, ohne die tiefer liegenden Ursachen zu bemerken. Er sprach sehr erwecklich und belehrend. Ich bemerkte, daß ich in einem Tempel der Methodisten war, der sich, wie die Art der öffentlichen Andachtsübung, wenig von der reformirten Form unterschied.
Von da begab ich mich in eine andere Kirche. Es war die der Neger. Auch der Geistliche war ein Neger. Er ereiferte sich sehr gegen die, seinem schwarzen Menschenschlage gewöhnlichen Untugenden. Seine Stimme war sehr stark; seine Bewegung ganz schauspielerhaft. Die Kleidung der Zuhörer und Zuhörerinnen zeichnete sich durch hohe Sauberkeit, Geschmack und Feinheit aus. Die Frauenzimmer trugen sich meistens weiß; doch manche auch in farbigen Kleidern und mit feinen Strohhüten. Aber welche Ueberraschung für einen Europäer, wenn sich eine der schlanken Grazien mit dem Köpfchen wandte, und dem Neugierigen eine ganz schwarze Gestalt wies!
Den folgenden Tag ging ich in eine katholische Kirche. Es wurde hier eben ein ausserordentliches Seelen-Amt wegen dem Tode eines Herrn Moranville gehalten. Bei der ansteckenden Seuche, die im Sommer 1819 zu Baltimore so viele Menschen wegraffte, und durch die Wärme der Luft von 26 bis 28 Grad Reaumur am furchtbarsten geworden war, opferte dieser Herr Moranville Vermögen, Zeit und Kräfte für die leidende Menschheit auf. Er theilte Arzneien aus, er tröstete die Sterbenden, er half die Todten forttragen, so lange die Seuche wüthete. Die meisten Verwüstungen richtete sie in dem Theil der Stadt an, der Fellspoint heißt, und in den niedern Gegenden, während der höher gelegene Theil der Stadt sich gesund bewahrte, obgleich man auch von den Kranken da hinauf verlegt hatte. Herr Moranville fühlte sich zuletzt auch nicht wohl. Er glaubte, das Klima Frankreichs, seines Vaterlandes, werde ihm Besserung geben. Er reisete ab, kam nach Amiens und starb da. Der Hyperion hatte die Nachricht von seinem Tode mitgebracht, den ganz Baltimore mit lauter Stimme beklagte. Die Kirche hatte kaum Raum genug, die ungeheure Menschenmenge zu fassen. Mit welchem kalten Pomp sah ich in Europa oft Menschen begraben, die zu den Höchsten und Bedeutendsten gehörten. Hier weinten tausend und tausend dankbare Augen still vor sich hin. Und als der Prediger vom Leben des Wohlthäters sprach, ward der Schmerz laut.