Um sieben Uhr Morgens nahte sich uns ein Kanot. Es brachte einen Arzt, der den Gesundheitszustand Aller auf unserm Schiff untersuchen mußte, das den Tag zuvor, mehr als gewöhnlich, gesäubert und gewaschen worden war. Er grüßte uns mit einem »guten Morgen!« ohne dabei den Hut abzuziehen. Es war ein gefälliger, angenehmer Mann; sehr sauber gekleidet. Nachdem er in der Kajüte beim Kapitän ein kleines Frühstück genommen, kam er nach zehn Minuten wieder aufs Verdeck. Der Namensausruf Aller im Schiffe erfolgte. Er beschäftigte sich mit jedem einzeln; untersuchte noch zwei Personen, die unpäßlich in ihren Betten geblieben waren, und schied zufrieden von uns, auf die nämliche Art grüßend, wie er gekommen war.
Ich vermuthete, unsere Quarantäne würde wenigstens noch vierundzwanzig Stunden auf dem Schiffe dauern. Darum rief ich einem Seemann, der auf einem Kanot mit Doppelsegel nicht weit von unserm Hyperion vorbeifuhr, zu, ob er mich nicht zum nächsten Bauerhause fahren wolle, um Milch und einige frische Nahrung einzukaufen. Er kam heran; ich stieg von der Seite des Schiffs, wo man eine Treppe angebracht hatte, hinab zu ihm. Er änderte an den Segeln, und obgleich kein fühlbarer Wind ging, flog doch das kleine Fahrzeug schneidend durch den Wasserspiegel ans Ufer.
Ich sprang ans Land. Mir ward wunderbar zu Muth, da ich den langentbehrten festen Grund unter meinen Füßen fühlte; einen Boden unter meinen Sohlen, den der weite Ozean von meiner Heimath trennte; den der große Columbus die Kühnheit hatte zu suchen und das Glück ihn zu finden; den Jahrhunderte lang die Grausamkeit raubsüchtigen Kriegsgesindels, golddürstiger Kaufleute und herrschlustiger, dummgläubiger Pfaffen mit Menschenblut besudelt hatte, bis Muth und Gefühl der Menschenwürde das Joch zerbrach, welches der europäische Despotismus für unvergänglich hielt.
Von meinen Gedanken und Empfindungen in diesen Augenblicken Rechenschaft zu geben, ist mir unmöglich. Ich kam zu einem artigen Bauerhause. Eine Frau trat mir entgegen. Sie sprach deutsch; sie stammte aus dem Bernerland in der Schweiz. Nun richtete sie hundert und tausend Fragen an mich, daß mir zuletzt bange ward, keine Milch zu bekommen. Sie gab mir endlich, was ich begehrte; ich mußte ihr aber versprechen, sie noch einmal zu besuchen. Als ich zum Schiff zurückgekommen war, und meinen Fährmann fragte: was ich denn schuldig sei? antwortete er: »O durchaus nichts. Es machte mir ein Vergnügen, Sie einen Augenblick ans Land zu führen.« Er lehnte sehr höflich Alles ab.
Wie die Kinder auf dem Hyperion, es waren derer wohl zwanzig, meinen großen Topf voller Milch erblickten, liefen alle auf mich zu. Ich konnte jedem nicht geschwind genug davon geben. Um sie zu sättigen, hätt' ich viermal mehr haben müssen. Aber das war auch eine Schwelgerei für die guten Kleinen, und ein Genuß für mich ihre Freude!
Der Kapitän hatte den Arzt in die Stadt begleitet. Sein Nachen kam Nachmittags zurück, aber ohne ihn; statt seiner ein Briefchen an mich, worin er mir ankündigte, ich könne ans Land gehen, wann ich wolle; der Nachen stehe zu meinem Befehl.
Ich säumte keinen Augenblick.
7.
In Baltimore.
(13. bis 24. Juli.)
Die ersten Schritte am Lande, durch die Straßen der Stadt, reichten hin, um mich zu belehren, ich sei in einem fremden Welttheil. Ich konnte nicht müde werden, diese Reihen zierlicher Gebäude, diese Handelsgewölbe und Kaufläden, diese Gruppen von Negern und Mulatten zu sehen.
Baltimore war vor fünfundvierzig Jahren noch ein gar geringes Städtchen, mochte kaum ein halbes hundert Häuser haben, viele noch von Holz. Jetzt steht da, einer Hauptstadt ähnlich, eine regsame Welt. Baltimore zählt schon 75,000 Einwohner. Die Straßen sind gepflastert und mit breiten Trottoirs eingefaßt; reinlich, heiter, angenehm mit Pappelbäumen besetzt, deren Gipfel mit den Kirchthürmen um die Wette in die Lüfte aufstreben. Die Häuser sind meistens von Backsteinen, manche von Marmor gebaut, geschmackvoll und edel ausgeführt, von zwei und drei Stockwerken. Die grünen Fensterläden überall, die Hausthüren von Rothholz und Acajou, die glänzenden Messingbeschläge daran, die hohe Reinlichkeit überall – Alles gibt diesen Wohnungen, diesen breiten, lichten, saubern Straßen, ein gefälliges, freundliches, frisches Ansehen, wie ich mich dessen von keiner europäischen Stadt erinnerte. Während der heißen Sommerzeit werden die Straßen täglich mit Wasser besprengt. Die schönste und längste derselben ist die Baltimorestraße, beinahe eine halbe Stunde lang. In der Mitte derselben steht seitwärts die Douane, ein Gebäu von ausserordentlichem Umfang, aus weißem Marmor aufgeführt. Zwölf mächtige Säulen tragen einen Theil vom Innern des Gebäudes, welches hier von oben herab durch eine sehr hohe Kuppole erleuchtet wird. Links und rechts sind die Amts- und Geschäftzimmer, die Wohnungen der Angestellten u. s. w. Die Beamten selbst, einfach, aber äusserst zierlich gekleidet, zeichnen sich durch ihr zuvorkommendes, gefälliges Betragen aus. –