Am 11. Juli sagte Herr Valengin: »Ich denke, wir werden morgen einen Küsten-Lootsen am Bord sehen.« Frohe Botschaft. Wirklich entdeckte man ihn folgendes Tages früh um neun Uhr vermittelst des Fernrohrs. Wir steckten die Flagge auf. Nach zwei Stunden kam das leichte, winzige Fahrzeug bei uns an, worin sieben Mann wie festgenagelt saßen, alles große, wohlgewachsene Leute. Jede Welle schien das gebrechliche, niedrige Boot wie eine Nußschale verschlucken zu wollen. Was doch der Mensch wagt; er der da weiß, was er wagt! Welche Hingebung, zumal in stürmischen Wettern! Schiffe, welche durch einen Windstoß gegen die Küste getrieben, oder auf langen Fahrten irre wurden, sind oft schon durch diese unerschrockenen Männer gerettet worden, die alle Untiefen und heimlichen Gefahren der Seegegend, und jedes Anländeplätzchen des Gestades kennen.
Einer der Lootsen kletterte an einem ihm zugeworfenen Seil zu uns ans Bord hinauf, grüßte uns freundlich, drückte dem Kapitän die Hand und jedem, der ihm nahe kam, und fragte: »Wie stehts? Geht alles gut?« Diese herzliche Frage, so natürlich in dem Verhältniß, und dabei so wohlwollend, hat für den, der nach vielen Wochen wieder den ersten unbekannten Menschen sieht, etwas Erquickendes. Es war die erste, unmittelbare Erscheinung eines Bewohners der neuen Welt, die wir selbst noch nicht sahen.
Der Lootse nahm vom Kapitän den Befehl über sämmtliche Matrosen und sagte: wir wären noch ohngefähr 150 Seemeilen (etwa drei derselben bilden eine Wegstunde) entfernt von der Chesapeak-Bai, und wenn der Wind, der gerade günstig und stark blies, tapfer anhielte, würden wir den andern Morgen an Ort und Stelle unsers Wunsches sein.
Und am folgenden Morgen um neun Uhr scholl das Geschrei: Land! Land! – Ein freudiges Schrecken fuhr Allen durch die Glieder. Die Vorufer des jungen Welttheils stiegen aus dem Schoos des Ozeans.
6.
Die Landung.
Wir fuhren in die Chesapeak-Bai mit vollen Segeln ein. Links hob sich das Kap Henry, mit einem weißen Thurm, auf welchem allnächtlich den Seefahrern ein Feuer brennt. In größerer Ferne rechts zeigte sich noch ein Leuchtthurm, es war der des Kap Charles.
Das Gewässer der Bai fanden wir mit Holz, Kräutern und Stroh bedeckt. Wir erfuhren, es habe auf dem Lande fünfzehn Tage lang anhaltend geregnet. Noch befanden wir uns sechszig Wegstunden (oder 180 Seemeilen) von Baltimore. Aber der Wind ging stark mit uns. Wir fädelten binnen einer Stunde zehn Knoten ab, das heißt, legten 3½ Wegstunden zurück, und noch dazu gegen die Strömung des Meers.
Es zeigten sich, seit wir Land sahen, der Schiffe immer mehr vor unsern Augen und immer mehr, je näher wir den Ufern der Bai kamen. Schon unterschied man von den Fluren ungeheure Waldungen; bald da und hie angebautes Land mit einzelnen Wohnungen der Menschen. Fröhliches Schauspiel für uns. Eine Viertelstunde fern von uns zog ein Dampfschiff vorbei. Ein schwarzer Rauchstreifen bezeichnete durch die Luft den verlassenen Weg desselben. Silberbrandung umgab die Dampfräder.
Die Nacht kam. Bald unterschied man nichts mehr. Das Schiff flog rasch durch die Wogen. Wir machten eilf Knoten in der Stunde. Ein Matrose, an der Schiffsseite draussen angebunden, warf beständig das Senkblei und rief jedesmal an, wie tief. Das hielt uns, und auch die Freude, spät wach.
Kaum war es Tag, rief mir der Kapitän zu: »Wir sind in der Rhede von Baltimore!« – Ich wagte es kaum zu glauben, und doch stand das Schiff unbeweglich. Ich sprang aus dem Bett und warf mich hastig in die Kleider. Als ich aufs Verdeck kam, lag die Stadt Baltimore vor mir. Durch den lichten Wald der Schiffsmasten unterschieden wir Kirchthürme und die Wipfel hoher Pappeln in allen Theilen der Stadt. Die Thürme sind von weißem Marmor, sehr zierlich; die Häuser von Backsteinen gebaut. Zwischen dem schönen Grün der Pappelbäume, stellten sie sich mit ihrem gelben, röthlichen, bläulichen Anstrich dem Auge gar gefällig hin. Wir sahen zu unserer Rechten Felder mit Korngarben bedeckt. Das Glockengetön der Heerden sang uns vom Ufer an, wo halb sichtbar zwischen Obstbäumen die Kühe in den Wiesen weidend umherirrten. Der Himmel klärte sich auf und die ersten Strahlen der Sonne rötheten alle Höhen und Berge.