Ueber das spielende, wechselnde, gewaltige, majestätische Element der Wellen, durch die Dienstbarkeit der Winde, wie von unsichtbaren Geistern, hingetragen zu werden, ist ein Hochgenuß ganz eigener Art, besonders eh' die Gewohnheit, die auch den stärksten Wein endlich verwässert, dafür die Sinne stumpf macht. Verwunderung, Grausen und Stolz auf die Gewalt des menschlichen Geistes, bemächtigen sich des ganzen Gemüths.
Leider verstimmte sich dies Hochgefühl bald durch die sogenannte Seekrankheit, von welcher, mit Ausnahme der Kinder unter zwölf Jahren und ganz alter Personen, alle Reisende ergriffen wurden, und ich, wie mirs vorkam, am ärgsten. Es war ein bald widerlicher, bald lächerlicher, Anblick, fünfzig bis sechszig Menschen um sich her die seltsamsten Gesichter schneiden zu sehen, weil ihr Magen in beständiger Insurrektion gegen Anstand und Sitte war. – Ein Paar Tage lang mußten die Auswanderer aller warmen Speisen entbehren, weil das Uebel ihre sämmtlichen Kochkünstler ausser Stand setzte, den Herd zu besorgen.
Das Wetter blieb schön, der Wind günstig, zuweilen verwandelte er sich sogar in sturmartige Stöße; wir befanden uns am vierten Tag der Abfahrt schon weit ausser der Meerenge von Frankreich und England. Allein Lust und Freude gingen im ewigen Uebelsein verloren. Man kann und mag sich mit Niemandem unterhalten, nicht einmal lesen. Der Geist quält sich mit Denken und Träumen. Aus den besten Träumen aber stört auch wieder das beständige Krachen und Girren des vielbewegten Schiffes auf. Es ist einem zu Muthe, als würde man, in einen großen hölzernen Kasten gesperrt, mit Schnelligkeit über und zwischen Steingeröll fortgeschleppt. Man hält zuletzt keinen Gedanken und Wunsch fester, als den, bald Land zu erreichen und ruhigen Boden unter den Sohlen zu haben. Kein Essen erquickt; vielmehr es erneuert nur den Jammer. Ich sehnte mich blos nach Mehlsuppe. Unser schwarzer Schiffskoch aus Afrika machte sie nach meiner Angabe und endlich ziemlich gut. Aber wenn er mich davon essen sah, bezeugte er mir sein herzlichstes Mitleiden und betheuerte, weder in noch zwischen den drei Welttheilen seiner Bekanntschaft je ein elenderes Essen gekocht zu haben.
Die Erhabenheit der unendlichen Wasserwüste, welche uns umgab, und mich anfangs tief erschüttert hatte, ward, ich muß es gestehen, zuletzt mit seiner majestätischen Einfalt mir sehr langweilig. Es wundert mich jetzt gar nicht mehr, wenn die meisten Reisebeschreiber mit dem, wodurch sie sich ihre Langeweile vertreiben, ihren Lesern die größte verursachen, nämlich mit Aufzeichnung des Windes, der geblasen hat. Die einzige Abwechselung in der weiten Einöde des Ozeans bringt entweder ein Schiff, das in der Ferne erscheint, sich nähert und verschwindet; oder von Zeit zu Zeit das Spiel der Fische auf der Oberfläche des ungeheuern Wasserbeckens. Die Delphine bildeten da oft stundenlange Linien, indem sie regelmäßig einer nach dem andern zwei bis drei Schuh über der nassen Fläche hoch sprangen. Die Boniten und Doraden, mit allen Farben des Regenbogens geschmückt, schwammen traulich neben dem Fahrzeug her; während der Haifisch unbeweglich auf dem Wasserspiegel lag und die Beute erwartete, die seinem unersättlichen Rachen zuschwimmen sollte. Der Spritzfisch blieb auch nicht aus, uns seine Künste zu zeigen; und so stellten sich uns immer neue Arten von den Bewohnern des feuchten Abgrundes dar. Eines Abends näherte sich sogar dem Schiffe einer von den Riesen der Tiefe, ein Wallfisch. Dann und wann wieder flatterten Tauben und Meerschwalben über und zwischen den Segeln umher. Die Schwalben wandelten lustig über die Wogen und pickten mit den langen Schnäbeln nach den Stückchen Zwieback, die wir ihnen hineinwarfen.
Der Wiedertäufer Hermann versah bei den Ausgewanderten die Stelle eines Schiffspredigers. Jeden Sonntag verrichtete er ein öffentliches Gebet und hielt aus dem Stegreif über irgend eine Bibelstelle eine Rede, die darin vor mancher Predigt gelehrter Pfarrer den Vorzug hatte, daß sie aus reinem, frommem Gemüth hervorging, und verständig, kunstlos und erbaulich zum Gemüth drang. Den Schluß dieser Andachtsstunde, die gewöhnlich zwei Stunden dauerte, machte ein Psalmengesang. – Dieser Wiedertäufer und seine Frau zeichneten sich unter allen Ausgewanderten durch ihre feinen, geistvollen Gesichtszüge aus.
Ich fand seine Frau eines Tages blaß und leidend sitzend, mit dem Rücken gegen das Schiffsbord gelehnt. Ich bot ihr ein Glas Wermuth-Extract zur Stärkung an. Sie trank es und stieg dann in's Zwischenverdeck hinunter. Kaum zwei Stunden nachher verkündete mir ihr Mann die glückliche Entbindung seiner Frau von einem Töchterlein. Ein Paar Tage später kam sie selbst aufs Verdeck und zeigte mir ihren lieben Säugling. Auf meine Frage, wie es nun um Taufe und Namen des Kindes stehen werde? erwiederte sie: »Wir weihen unser Kind in das Christenthum ein, wenn es die Wichtigkeit und Heiligkeit der Sache begreifen kann. Zu Ehren unsers guten Kapitäns wollen wir es aber nach ihm Albertine heißen. Wäre es ein Knäblein gewesen, würden wir es Hyperion oder Ozean genannt haben.«
Wir waren schon zwanzig Tage auf dem Wasser. Die Hitze der Sonne ward unausstehlich; das süße Trinkwasser in kleinern Portionen vertheilt, daß es oft Streit darum gab. Wir hatten beständige Westwinde uns entgegen; die Azoren südwärts gelassen, ohne sie zu erblicken, und uns der Bank von Terre-neuve genaht. Sobald das Senkblei hier, bei 45 Klafter Tiefe, feinen Sand fand, gab der Kapitän dem Schiffe die Richtung nach Süden. Wir kamen ziemlich nahe bei den Bermuden vorüber.
Es ist auf dieser weiten, einsamen Wasserstraße den Schiffen Bedürfniß, wenn sie einander begegnen, Frage und Antwort zu tauschen. Sie steuern sich gegenseitig zu. Man hisst die Flagge; legt einige Segel bei, und fragt sich durchs Sprachrohr, von wannen? wohin? welche Ladung? u. s. w. Am gewissesten aber ist die Frage nach der Länge und Breite, unter der man sich befindet. Ist zwischen den Berechnungen beider ein Unterschied, so hält man sich gewöhnlich an die, welche auf dem Schiff gemacht ward, das noch die kürzere Zeit unterwegs ist. Es ist noch nicht immer ganz leicht, mit einander zu sprechen, besonders wenn der Wind stark, das Meer unruhig geht; denn man kann sich dann einander nicht wohl gehörig nähern, ohne Gefahr zu laufen.
Schon war es der 6. Juli und seit einigen Tagen die tiefste Windstille. Kein Wimpel spielte. Das weite Meer stand unbeweglich und glatt, wie spiegelndes Eis. Das Schiff schien angefesselt. Die entfalteten Segel hingen schlaff nieder. Wolkenlos glühten Luft und Himmel um und über uns. Die Sonne warf stechende Strahlen. Die Lebensmittel nahmen sichtbar ab. Jeder theilte dem andern nur Furcht und Besorgniß mit. Ein Orkan auf dem Meer ist das Fürchterlichste. Wir aber hätten jetzt lieber einen Orkan bestanden. Die todte Ruhe währte schon acht Tage und das Leben der Segel und Wogen wollte nicht wiederkehren. Ich stieg jeden Morgen sogleich auf den Mastkorb, in Hoffnung, Küsten des Festlandes zu erblicken. Oft rief mich die Ungeduld schon vor Tagesanbruch aufs Verdeck, wenn die Sterne noch, in geheimnißvollen Ordnungen am Himmel, ihr blasses Licht durch das stille Reich der Nacht ausgossen. Ich zitterte hoffend dem Tag entgegen; ich fand mich immer getäuscht, doch immer durch die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs für die Täuschungen entschädigt.
Endlich, es war an einem Sonntage, gewann die Natur dieser ewigen Einöden des Ozeans wieder Odem. Die Segeltücher wölbten sich nach und nach, und wir flogen wieder acht bis neun Seemeilen in einer Stunde. Welche Freude lächelte von allen Antlitzen; wie andächtig sprach der Wiedertäufer das sonntägliche Abendgebet mit lauter Stimme, und mit welcher stummen Inbrunst in allen Zügen beteten die Andern vor sich hin! Der glänzende Sonnenball senkte sich den zitternden Wellen der Ferne entgegen. Das Schiff schien ihm in heiterer Sehnsucht tanzend auf den Wogen nachzueilen, und das Tagesgestirn selbst tändelnd seine Bahn und Stätte zu verlassen. Bald verbarg es sich hinter dem Busen des einen, bald des andern Segels; bald durchlief es der ganzen Breite nach die leichten Streifen des aufgespannten Tauwerks und der Seile. Masten, Linnen und Wimpel, Bord und alles Schiffsgeräth tauchten sich in wunderbaren Goldschimmer, von tiefern Schatten begrenzt. Eine breite, blendende Lichtbrücke ging vom Hyperion über das Meer bis zur Sonne, die zu zögern schien, aus diesem Tempel der Schöpfungsherrlichkeit zu scheiden. Still sumsete zwischen Segeln und Seilen der Wind sein Abendlied. Die Wogen brachen sich tönend am Schiff zum Gesang. Die Menschen, in verschiedenen Stellungen, beteten. Der unendliche, schweigende Himmel horchte.