Uebrigens ist bekannt, man fährt von Europa nach Amerika nicht so geschwind, als umgekehrt. Dazu tragen einerseits die Südwestwinde bei, die das Meer während zwei Drittheilen des Jahrs beherrschen, anderseits die Strömungen, welche vom mexikanischen Golf ausgehen, sich bis zum 45. Grad nordwärts fühlbar machen, und in mancher Gegend des Ozeans zwei bis vier Seemeilen in einer Stunde einbringen. Das Wasser dieser Strömungen ist auch bei sechs Grad wärmer, als das Wasser an den Küsten.

Ich habe zwar nicht die Ehre, Seemann zu sein. Allein im Vertrauen auf das tägliche Fortschreiten menschlicher Wissenschaft und Kunst, darf ich mir, vielleicht mit größerm Recht, als mancher andere, die Ehre erlauben, Prophet zu sein. Schon jetzt ist eine Reise von Europa nach Amerika und wieder zurück nicht kostspieliger, nicht gefährlicher, nicht unbequemer, als die Reise im Kasten einer Postkutsche zu Lande auf halb so langem Wege. Man ist da nicht zum Ueberfluß noch von hungrigen Postillionen, groben Postbeamten, prellenden und schnellenden Wirthen, rohen Mauthknechten, Paßschreibern, Visitatoren, Zoll- und Weggelderforderern und anderm Reise-Ungeziefer geplagt, das von der Polizei- und Finanzkunst des überglücklichen Europa zum Besten der Menschheit erfunden worden ist. Es wird eine Zeit kommen, da, wenn sich der Europäer erholen, zerstreuen, frische Luft schöpfen will, und umhersinnt, wohin eine kleine Lustreise thun? er kurz abbricht und sagt: »Ich will ein wenig nach Amerika, und komme gleich wieder.«

Bis jetzt bewegen sich die Fahrzeuge über das Meer entweder mit Segeln, oder Galeerenrudern, oder Dampfmaschinen. Im Allgemeinen sind die Segel freilich die vortheilhaftesten Schiffsfittige, am wohlfeilsten und raumsparendsten. Nur bei langen Windstillen machen sie traurige Miene. Es wird nicht fehlen, man wird mit der Zeit den Schiffsbau dahin vervollkommnen, daß man zu den Segeln noch die Dampfmaschinen beihilfsweise gesellt, und sie in Fällen spielen läßt, wo der Wind seine Huld versagt.

4.
Haushaltung auf dem Meere.
(2. Juni bis 13. Juli.)

Ich war am Bord. Mittags den 2. Juni wurden die Anker des Hyperion gelichtet, alle Flaggen und Wimpel aufgezogen. Die im Hafen bleibenden Schiffe erwiederten auf dieselbe Art das Abschiedszeichen. Es blieb nicht bei dieser stummen Sprache: »Hurrah!« brüllten unsere Matrosen; »Hurrah!« scholl es links und rechts von den andern Fahrzeugen zurück.

Das Wetter war angenehm. Ein sanfter Wind strich furchend über die spiegelnde Wasserebene. Mehrere kleinere Fahrzeuge folgten dem unsern. Andere kamen uns entgegen, und zwar mit demselben Winde, und segelten dabei nicht langsamer, manche geschwinder, als wir. Das amerikanische Packboot, die Queen-Maab, kam so eben von New-York her. Mit entfalteter Flagge und dem Hurrah-Gruß der Matrosen, fuhr es zehn Schritte weit an uns vorüber. Das Verdeck desselben war voller Reisenden, deren Aeusseres schon verkündete, wie vergnügt sie waren, am Ziel ihrer Fahrt zu sein. Das Land wich hinter uns zurück. Der Zuschauer-Haufe am Ufer verschwand. Die Küsten schienen sich auf den Wellen zu bewegen, und auf- und niederzusteigen. Endlich wurden sie zu einem schwarzen Striche, der sich zwischen der zitternden Wasser-Ebene und dem Himmel entlang zog.

Ich sah mich nun nach den Reisegefährten um, die mit mir im engen Raum des Hyperion den Abgrund des Ozeans, von einem Welttheil zum andern, überschiffen wollten. Der Kapitän, zwei Lieutenants, zehn Matrosen, ein Stewart, ein Koch, ein Schiffsjunge, bildeten die Bemannung des Fahrzeugs. Ich war der einzige Reisende in der Kajüte und am Tische des Kapitäns. Die übrigen waren Auswanderer von Europa, Männer, Weiber, Kinder, 68 an der Zahl, die unten im übrigen Schiffsraum herbergten und ihre Küche selbst besorgten. Der Kapitän, die beiden Lieutenants und ich speiseten zusammen. Man hält drei Mahlzeiten des Tags. Zum Frühstück gibt's schwarzen Kaffee, Fleischschnitte, Geflügel, kleine Kuchen u. s. w. Mittags speist man um 1 Uhr, Fleisch auf verschiedene Art zubereitet und Gemüse; zum Nachtisch Käse oder Früchte; Bier, Wein, gebrannte Wasser mit natürlichem verdünnt. Sieben Uhr Abends nimmt man den Thee, wieder mit Nebengerichten von Fleisch, Backwerk u. s. w. begleitet. Fast alle Schiffe haben lebendige Schweine, Schafe, Hühner und Enten in Fülle an Bord. Einige Packboote, zwischen Havre und New-York, halten auch der Milch wegen eine Kuh. – Die Matrosen speisen in ihrer Kajüte am andern Ende des Schiffes eine Stunde früher, als der Kapitän.

Dieser hat wenig Langeweile. Er und einer seiner Lieutenants schreiben von Stunde zu Stunde Richtung des Windes, Länge des zurückgelegten Weges, die Höhe, welche man gefunden, die Schiffe, welche man gesehen oder gesprochen hat und hundert andere Beobachtungen und Bemerkungen auf. Zu unbestimmten Zeiten, des Nachts wie des Tags, ging der Kapitän aufs Verdeck und musterte Sachen und Arbeiten.

Das Steuer führt ein Matrose, der alle zwei Stunden abgelöst wird; die Augen stets auf zwei vor ihm befindliche Kompasse geheftet, die des Nachts durch eine Lampe beleuchtet sind. Bei gutem Wetter hatten die Matrosen von vierundzwanzig Stunden nur sechs zur Ruhe; bei bösem Wetter blieb Alles auf den Beinen wach. – In den meisten Reisebeschreibungen wird über die Rohheit der Matrosen geklagt. Man schildert sie, wie einen Auswurf des menschlichen Geschlechts. Ich fand das bei unsern Matrosen nicht. Sie waren insgesammt Amerikaner, sehr gefällig, dienstfertig, sauber gekleidet, sittsam und immer thätigen Gehorsam. Freilich man muß diese braven Leute nicht wie Knechte und Bediente behandeln und ihnen Befehle zuherrschen wollen. Aeusserte ich bittweise nur einen Wunsch, schnell sprangen zwei und mehr, mir zu helfen. In Baltimore begegnete ich nachher einigen von ihnen wieder auf der Gasse. Sie waren aber so zierlich gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick nicht kannte. Einer lud mich sogar zu seinen Eltern ein. Der Empfang überraschte mich durch das Anständige, Feine und Herzliche. Wenn wir in der bürgerlichen Gesellschaft noch brutale, ekelhafte Menschenklassen haben, wahrlich, so sind daran nur die höhern Stände mit ihrer brutalen, ekelhaften Vorbildung schuld. Braucht nur häufig bei den Kriegsleuten und Vaterlandsvertheidigern die Korporal-Fuchtel, in den Schulen den Stock, werft die Juden mit Koth, und kehrt dem Handwerksmann und Landmann hochmüthig den Rücken zu, wenn sie euch gleichgeboren zu sein glauben, so habt ihr bald eine europäische Pariah's-Kaste gebildet. Dann schreibt Bücher über Bücher über Verbesserung der Juden, über Schulwesen, über Volksbildung; dann erlaßt Sitten- und Sonntagsmandate, Gesetze und Dekrete zur Beförderung der Zivilisation! Das wird helfen, wie ein Pflaster auf die Todeswunde des Erschlagenen. – Wie treibt man's aber in jenen Ländern, wo die Barbaren mit Titusköpfen und Fraks nach der neuesten Mode wohnen?

5.
Die Seefahrt nach Baltimore.
(2. Juni bis 13. Juli.)