Folgendes Tags, es war Sonntag, neues Schauspiel. Eine bunte Volksmenge füllte das Ufer des Hafens, beim herrlichsten Wetter. Ein neugebautes, großes Schiff sollte zum erstenmal in sein künftiges Element hinausgeschleudert werden. Wir gelangten zu dem gewaltigen Gebäu. Ein Dampfschiff mit Musik und vielen Neugierigen war bereit, das todte Ungeheuer in den Hafen zu schleppen. Tausend und tausend Menschen drängten sich herbei; ihrer hundert wenigstens stiegen in's zu weihende Fahrzeug. – Das Zeichen ward gegeben und bei zwanzig Mann, mit großen Aexten, schlugen Gerüst- und Sperrwerk ein, welches dem Abrollen des Schiffs entgegenstand. Es hing nur noch schwach mit dem Boden zusammen. Die Lage schien in der Ordnung. Ein zweites Zeichen, und der Balken, welcher den Schiffrumpf noch festhielt, stürzte zu Boden. Der Kiel, in einer Art Trag-Leitung, die wohl mit Seife bestrichen war, glitschte langsam vor, bald mit wachsender Geschwindigkeit, immer schneller, daß ein schwarzer Rauch hinten nachfuhr. – Plötzlich Geschrei um mich her: »Das Schiff stürzt auf die Seite!« Ich stand mit meinem Bruder fünf Schritt von der Bahn. Das Schiff kömmt. Alles schreit im Gewimmel, wo wir waren; alles flieht, stolpert über Seile, Fässer, Holz, fällt, reißt andere fallend mit sich. – Welch' ein Schlachtfeld, welche Niederlage! – Als ich aufstand – die ganze Verwirrung dauerte zwei Sekunden – und mich umsah, schwamm das Schiff schon stolz im Meere hin.
3.
Hyperion.
Denselben Abend reisete mein Bruder nach Paris zurück. – Ich hatte mir schon ein Schiff zur Ueberfahrt nach Amerika gefunden und die Bedingungen abgeschlossen.
Es lagen eben drei Schiffe im Hafen segelfertig nach Amerika; der Bayard und die Elisabeth zur Fahrt nach Newyork, der Hyperion nach Baltimore. Ich wählte mir den Hyperion aus, diesen mythischen Vater des Sonnengottes, mein Heil mit ihm zu versuchen. Es kamen noch andere kleine Umstände dazu, die mich zu seinen Gunsten stimmten. Zwar der Bayard war das größte Schiff, aber Hyperion stand ihm an Schönheit nicht nach. Und wie ich an sein Bord ging, mit dem Schiffskapitän, einem Amerikaner, zu unterhandeln, hieß er: Albert de Valengin. – Von Valengin? was? Also eine Art Landsmann? – In der That. Er erzählte mir, sein Vater, von Neuenburg in der Schweiz gebürtig, habe sich nach Amerika begeben gehabt, weil er mehr oder minder Theil an einem Bürgeraufstande genommen hatte, der ihm mehr oder minder gerecht geschienen. Denn in den letzten Jahrhunderten der Eidsgenossenschaft, als diese durch innere Zwiste schwach in sich selbst, daher feige gegen das Ausland, daher friedliebend im Uebermaaß gegen Fremde, aber trotzig, herrisch und unterthansüchtig im eigenen Ländchen geworden, wären der Unruhen und Aufstände so viel geworden, daß man sie eher für etwas Gerechtes als Ungerechtes hätte ansehen mögen.
Was gings mich an? Ich ließ den Mann bei seinem Glauben. Er gefiel mir. Er mochte kein Schweizer sein, blos freier Amerikaner. Er sprach auch nur englisch. Er forderte für die Ueberfahrt nach Baltimore 600 Franken von mir und begnügte sich mit 500, wenn ich für mein Bettgeräthe und den Wein selber sorgen würde.
Die Kajüte war zierlich; alle Vertäfelung darin von Acajou-Holz; ebenso Tisch und Stühle. Ein großer Spiegel, mit breitem Goldrahmen, füllte den Raum zwischen beiden Fenstern im Hintergrund. In der Mitte des Zimmers schwebte ein Kompaß an drei zierlichen Ketten hangend. Die Betten, in Form sauberer Kleiderkisten, befanden sich hinter Umhängen, an den Seiten. Die größte Sauberkeit war über Alles verbreitet. Schloß und metallische Beschläge der Thür waren von glänzendem Messing. Ueber dem Fußboden lag ein großer türkischer Teppich ausgespannt, und ein zweiter, sehr schmaler deckte die Treppe.
Das Gefällige und Reinliche dieser kleinen Wohnung über den Wellen sprach mich gar freundlich an. Das Anmuthige und Schöne gehört zu den ersten Lebensgenüssen, und veredelt Leben und Gemüthsart. Das geistlose Thier hat keine Fähigkeit, vom Schönen gerührt zu werden, eben weil es geistlos ist. Es hat nur Sinn für Fraß und Durststillung. Der rohe, bildungslose Mensch gleicht darin dem Thiere. Er kennt nichts Besseres, als was ihm in Gaumen und Magen wohlthut. Der erste Federschmuck und Nasenring der Wilden ist ein Zeichen vom Erwachen des Höhern. Das weibliche Geschlecht, immer früher reifend, als das männliche, ist auch dasjenige, welches die Völker zuerst und am meisten aus dem Schlamm des Thierthums hervor ins Menschliche heben. Will man Wilde, Halbwilde, Leibeigene und rohe Bauern gesitteter machen, bringe man den jungen Mädchen und Frauen Putzwaaren. Ein Hausirer mit buntem Bänderkram, Halstüchern u. s. w. hat auf die Civilisation eines wüsten Dorfes segensvollern Einfluß, als Pfarrer und Schulmeister. – Das wird freilich manchem Schulmeister unglaublich scheinen.
Alle seefahrende Völker haben ihre eigenthümliche Weise im Bau der Schiffe. Es ist damit, wie mit Nationaltrachten, Sitten, Sprachen. Ein Seekapitän, sobald er irgend ein Schiff nur deutlich erkennen mag, wird auch sogleich sagen, welcher Nation es angehört. Die amerikanischen sind nach einer andern Einrichtung geformt; allgemein anerkannt, daß sie die zierlichsten, und dabei die feinsten Seegler sind. Aber sie haben auch die wenigste Dauerhaftigkeit.
Mir lag jetzt nicht viel an der letztern; desto mehr am Niedlichen und Schnellen. Der Hyperion war eine Brick von 400 Tonnen. »Wie lange können wir damit unterwegs sein?« fragte ich den Herrn von Valengin. – »Ein Schiff,« sagte er, »das keine andere Mittel zum Fliegen hat, als seine Segel, hängt von der Huld der Winde ab. Der Hyperion hat die Ueberfahrt von Charlestown in Amerika nach Amsterdam in Holland auch schon in achtzehn Tagen gemacht.«
Zu den schnellsten Fahrten zählt man diejenige einer amerikanischen Goelette, die von Newyork nach Havre nur vierzehn Tage brauchte; und eines Packbootes, das in dreizehn Tagen von Newyork nach Liverpool kam. Aber das, was bisher in den Jahrbüchern der Seefahrer das Unerhörteste gewesen, erzählte mir in Amerika einige Monate später Herr Gallatin, wie ich ihn zu Geneva besuchte. Als er nämlich zu seinem Gesandtschaftsposten in Paris von Amerika abreisete, machte die Fregatte, welche ihn führte, den Weg bis Havre in vierzehn Tagen.