»Wie? wo können Sie freier leben, als hier im freien Vaterlande?«
– Wo? das weiß ich eben nicht, drum möcht' ich's gern wissen. Uebrigens räum' ich willig ein, wir sind hier, Gott sei Dank, so frei, als man irgend sein kann, wenn man sich mit Namen, Worten und Liedern begnügt; jeden Rathsherrn sein Nabobchen spielen lassen muß; mit Nationalehre und Nationalunabhängigkeit von Fremden es nicht genau nimmt; und es über sich bringt, dem gesunden Menschenverstande zuweilen ein Auge zuzudrücken. Läg' unser liebes Vaterland nicht in Europa, wäre es gewiß um die Hälfte mehr werth.
»Was geht Sie denn Europa an?«
– Hm! doch etwas. Man lebt nicht blos in seinem Hause, sondern auch im Städtlein mit den Leuten. Und gebildete Menschen leben heutiges Tages nicht blos in ihrem Ländlein, sondern auch im Welttheil, zu dem dasselbe gehört. Wenns in Spanien brennt, fliegen Funken bis Rußland; und wenn man in London spricht, hört mans gut in Berlin und Neapel. Ich gebe zu, Europa ist sehr glücklich für viele, viele seiner vortrefflichen Bewohner; für Geisterseher, Absolutisten, Ultra's, Mönche, Restauratoren, Gebetbuchmacher, Inquisitoren, Wetterhähne, Censoren, Polizeispione, Einnehmer, Zionswächter u. s. w. Leider hab' ich nicht die Ehre, zu einer dieser Zünfte zu gehören. –
Als alles Zureden der lieben Vettern und Bäschen eitel blieb, liessen sie mich gehen. Ich packte ein. Es kostete uns Allen beim Abschiede einige köstliche Thränen. Ich bestieg den Postwagen.
Nichts von meinem Flug durch Frankreich bis Paris. Ich sprach unterwegs den und diesen. – »Seid ihr glücklich, Leutchen?« – Jeder antwortete mit einem zusammengesetzten Gesicht, das meistens etwas in's Süßlichsaure schillerte: »Mais oui. So, so!« und dann gab's zu dem «Mais oui» Anekdoten, Bemerkungen, gar Flüche, die insgesammt wie ein Kommentar zu dem Sprüchwort aussahen: Vom Regen in die Traufe. Einige von den Pfiffigsten hielten mich offenbar für einen Mouchard, oder Agent Provocateur. O die glücklichen Leutchen!
Ich fand meinen Bruder in Paris. Er wollte mich bis Havre begleiten. Am 27. Mai Abends 5 Uhr fuhren wir die Barrieren hinaus ins Freie. Die Natur war von der Hand des Frühlings mit dem höchsten Zauber bekleidet. Von Zeit zu Zeit schimmerte zwischen artigen Landhäusern und kleinen Gehölzen der gekrümmte Strom der Seine. Etwas weiter hin stiegen St. Cloud und Versailles mit den prachtvollen Schlössern empor. Nicht minder mannigfaltig prangten die Gegenden zu unserer Rechten. Die letzten Strahlen der Sonne hüllten die Kirchthürme von St. Denis in Gold. Dann ließ die Nacht ihren halbdurchsichtigen Schleier nach und nach über das schöne, große Bild niedersinken.
Am Morgen schwamm die Stadt Rouen vor uns im Hintergrunde mit ihren Thürmen und Schiffsmasten, halb und halb im Rauch der Schornsteine verloren. Rouen hat viele protestantische Einwohner und vielen Gewerbsfleiß. Dadurch ward es blühend. Man ist jetzt sehr eifrig daran, die Kirchen besser zu bevölkern und durch Missionäre den Glauben zu stärken. Die Fabriken fangen an zu kränkeln und mit dem Glauben will der Kredit nicht wachsen.
Das Land, auch hinter Rouen, als wir von einer Anhöhe niederfuhren, ist herrlich. Die Seine verliert sich in zahllosen und weiten Windungen durch fruchtbare Gefilde in die blaue Ferne. – Vier Uhr Nachmittags sahen wir Havre und das Meer; um sieben Uhr saßen wir im Hotel Bienvenu an guter Tafel.