Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf Eros; sie war anders als deine. Ich bitte dich noch einmal darum, mach dich nicht über sie lustig, denn wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich nur die Reden der beiden anderen, denn Agathon und Sokrates nur sind noch übrig!“ „Diesen Wunsch will ich dir erfüllen,“ sagte Eryximachos, „du hast mir gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht wüßte, wie gut Sokrates und Agathon sich auf alles, was mit der Liebe zusammenhängt, verständen, würde ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer Verlegenheit, so viel und so verschieden ist hier über Eros gesprochen worden; doch so kann ich noch Vertrauen auf sie haben.“ Sokrates rief da: „Und du selbst hast noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn du jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn du dort wärest, wo ich nach Agathons Rede sein werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine Sorge kennen.“ „O du willst mich jetzt besprechen, Sokrates,“ fiel Agathon ein, „du willst mich bezaubern, damit ich scheu werde und glaube, das Publikum setze große Hoffnungen auf meine Worte!“ „Da müßte ich aber doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern erst deinen Mut und hohen Sinn sah, als du mit den Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen war, ins Auge sahst und gar nicht verlegen warst, ja das müßte ich wirklich vergessen haben, wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier würden dich aufregen.“ „Ja, Sokrates, hältst du mich denn für so benommen vom Theater,“ wehrte Agathon ab, „daß ich nicht wüßte, um wieviel gefährlicher als ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen Klugen wären?“ „Wenn ich dich für so roh hielte, würde ich dir unrecht tun, Agathon; ich weiß sehr gut, daß dir mehr an den wenigen, die du für klug hältst, als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber, ob wir hier zu diesen wenigen gehören? Denn gestern im Theater gehörten auch wir zur großen Menge. Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest, würdest du dich dann vor ihnen schämen, irgend etwas Törichtes zu machen, ja?“ „Natürlich!“ „Vor der Menge also schämst du dich nicht …“ Jetzt fiel aber Phaidros ein: „Ja, Agathon, wenn du Sokrates noch lange immer antwortest, wird er sich wenig um unser Thema kümmern, dann hat er jemand, dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so schönen Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates sich unterhält, aber hier muß ich darauf sehen, daß die Preisreden auf Eros gesprochen werden und jeder von euch dem anderen das Wort abnehme. Denn jeder soll hier zum Preise des Gottes reden.“ „Du hast recht, Phaidros,“ sagte Agathon, „mich hält auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später noch viel zu sagen haben.“
„Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe, und dann erst reden. Ihr alle vor mir habt eigentlich gar nicht den Gott, sondern nur das Heil der Menschen, die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom Gotte selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemand gesprochen. Und doch ist es überall die rechte Art, zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst aussehe, das wir überall als den Grund eines anderen finden. Und darum hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und dann seine Gaben preisen müssen. Ich sage euch nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern ist Eros der heilvollste, denn er ist der schönste und edelste! Eros ist der schönste Gott, weil er der jüngste, o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen anderen Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das Alter, und das Alter ist schnell und kommt schneller als nötig zu uns. Und Eros haßt es und lebt darum, Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und bleibt mit den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte Wort hat recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche. Ich stimme ja mit Phaidros in vielem überein, doch muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros sei älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist der jüngste der Götter und von ewiger Jugend, denn jene alte Not der Götter, von der Hesiodos und Parmenides erzählen, hat das Schicksal geschaffen und nicht die Liebe – wenn Hesiodos und Parmenides überhaupt die Wahrheit wissen. Die alten Götter würden einander nicht verschnitten und gebunden haben und das Grausame damals würde nicht geschehen sein, wenn Eros unter den Göttern gewesen wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter König ist. Jung ist also der Gott, und seine Gestalt von zarter Bildung; nur ein Dichter wie Homer könnte sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart gewesen…
Zart sind ihre Füße und nie am Boden
Wandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!
Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen läßt uns der Dichter die Zartheit erkennen: die Göttin schreitet nie auf harten Gründen, sie schwebt oben sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros' Zartheit suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der Erde und nicht über die Köpfe, – die wären ihm wohl zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist, wandelt und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den Seelen der Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber auch hier nicht in allen Seelen: wo er auf harten Sinn stößt, dort flieht Eros, und nur in der sanften Seele will er wohnen. Und da er also immer und ganz nur am zartesten haftet, muß er selbst wohl das zarteste Wesen sein. Ich wiederhole, Eros ist der jüngste und zarteste Gott; und Eros ist auch geschmeidig: denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu schlingen und winden und heimlich in die Seelen zu treten und heimlich von den Seelen scheiden.
Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt es, und diese zeichnet, wie wir wissen, den Gott vor allem aus. Mißbildung und die Liebe vertragen einander nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur vom Blühenden lebt er. Wo die Körper und die Seelen nicht blühen oder die Blüten verlieren, dort kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und duftet, dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott.
Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen, es bliebe ja noch viel zu sagen übrig; jetzt aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott noch den Menschen unrecht tut und daß ihm von niemand Unrecht widerfährt. Eros leidet keine Gewalt, die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut niemand Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und wo immer der eine dem anderen willig dient, da nennen das „die Gesetze, die Könige des Staats“ gerecht. An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit den größten Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall die Begierden und sich in der Freude beherrschen: nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer sind, so wären sie ja von Eros beherrscht, und Eros ist ihr Herr, und indem er die Freuden und Begierden wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit. Seiner Mannhaftigkeit weiter „kann selbst Ares nicht widerstehen“. Denn nicht Ares bindet Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält Ares, wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß, ist wohl stärker als der Gebundene, und wer den Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des Mutigsten Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit, der Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes gesprochen, jetzt bleibt mir noch seine Weisheit, und da will ich versuchen, nichts zu übersehen. Damit ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos seine geehrt hat – Eros ist ein so weiser Dichter, daß er auch uns zu Dichtern macht. Denn jeder wird zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt, „wie fremd er auch früher den Musen war“. Und das mag uns dafür zeugen, daß Eros vor allem der große Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was jemand selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er dies dem anderen zu geben, den anderen zu lehren! Und weiter, wer wird leugnen, daß die Schöpfung alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes sei, die große Weisheit, durch die alles Leben wird und wächst? Und endlich, wissen wir nicht, daß auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat, und daß jeder im Schatten und ohne Ruhm bleibt, den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die Kunst des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des Arztes erfunden, aber die Freude, die Liebe hat ihn dahin geführt, so daß auch er ein Schüler des Eros ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat das Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus „die Macht über Götter und Menschen“ von Eros gelernt. Wo alles Wirken der Götter durch Eros geordnet wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche kommt Eros nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah viel Furchtbares unter den Göttern, denn das Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güte unter Götter und Menschen. So scheint mir, Phaidros, Eros selbst das Beste und Schönste aller Wesen und allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist es, der da bringt:
Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,
Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.
So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt uns alles Eigene wieder; wo wir uns alle finden, dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu den Opfern schreiten. Eros reißt alles Wilde aus und macht uns sanft; er schenkt uns den guten Willen und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig, ihn schauen die Weisen und lieben die Götter; er ist der Neid der Unglücklichen und der Schatz aller, die sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer aller Zärtlichkeit, Üppigkeit, Anmut und Sehnsucht im Menschen, er kennt alles Gute und sieht vom Bösen weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und jedem Begehren, im Worte – da weiß er sicher zu lenken, da ist Eros die Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung unter den Göttern und Menschen, der herrlichste und tapferste Held, und ihm müssen die Menschen folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den er, Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt.
Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte darbringe; ich war hier leicht und dort auch ernst, so weit ich es eben konnte.“
Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall laut, so ganz seiner selbst und des Gottes würdig, schien der Jüngling allen gesprochen zu haben. Und Sokrates sah Eryximachos an: „O Sohn des Akumenos, war meine Angst also töricht und hat meine Angst nicht vorausgesehen, daß Agathon herrlich reden und mich in große Verlegenheit bringen würde?“ „O ja, daß Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl richtig vorausgesehen,“ erwiderte Eryximachos, „aber darum glaube ich noch immer nicht, daß er dich in Verlegenheit bringen könne.“ „Ja, aber du Glücklicher,“ sprach Sokrates, „wie soll ich, wie soll ein anderer gegen dessen schöne, reiche Worte aufkommen; es war ja natürlich nicht alles gleich wunderbar, aber wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke vernahm? Als mir da plötzlich der Gedanke kam, ich würde gar nicht imstande sein, auch nur annähernd so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe durchgebrannt, wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. Agathons Rede erinnerte mich ja an Gorgias, und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer und ich fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen Worte wie das Gorgonenhaupt meinen Worten entgegenhalten und mich zum stummen Steine machen. Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, lächerlich, als du nicht nur versprachst, mit ihnen Eros zu preisen, sondern sogar behauptetest, dich gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas weißt. In meiner Einfalt habe ich nämlich geglaubt, wer ein Ding preisen wolle, der brauche nur die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse zugrunde liegen, und dann erst dürfe man unter den schönen Worten wählen und sie so richtig wie möglich setzen. Und darum nur, weil ich eben die Wahrheit wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut reden zu können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt man das gar nicht von einer guten Lobrede; im Gegenteil: es scheint, man müsse von irgend einem Dinge nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob es nun wirklich in ihm sei oder nicht sei. Wenn es gelogen ist, so macht es ja nichts. Ich glaube sogar, ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur einbilden! Denn nur deshalb, zu diesem Zwecke scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es Eros einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros ist so und so, und Eros ist die Ursache davon und jener Dinge, damit am Schlusse dann der Gott so schön und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts verstehen – nicht den Wissenden – das Lob dann gar schön und feierlich klinge. Von dieser Art nun ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, und nur darum konnte ich anfangs euch versprechen, meinen Teil beizutragen. Aber meine Zunge versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt davon nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge nicht, nein! Ich wäre es ja gar nicht imstande. Ich will ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit, meine Wahrheit, wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht werden. Phaidros, kannst du also auch eine Rede brauchen, die über Eros nur die Wahrheit sagt und alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade kommen?“ Phaidros und die anderen hießen Sokrates, nur so zu reden, wie er es tun zu müssen glaube. „Aber noch etwas, Phaidros,“ sagte Sokrates, „erlaubst du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen richte, ich muß gerade mit ihm mich erst über manches einigen, bevor ich beginne?“ „Natürlich, frage Agathon nur aus!“ Und so begann denn Sokrates seine Fragen: „Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert zu haben: man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros denn eigentlich sei, und dann dürfe man erst von dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen. Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen des Gottes sprachst, so antworte mir nur darauf: Eros, die Liebe – ist dieser Gott, so wie er nun einmal da ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? Ich will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, nach seiner Mutter fragen; es wäre ja lächerlich, meine Frage so zu stellen, wenn ich wissen wollte, ob Eros von einem Vater, einer Mutter stamme – nein, ich meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater fragte und fragte: ist dieser Vater der Vater zu etwas oder nicht? Du würdest mir natürlich antworten: der Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe ich nicht recht?“ „Ja, natürlich,“ antwortete Agathon. „Und dasselbe gilt von der Mutter, von dem Begriff der Mutter, nicht wahr? Damit du mich aber noch besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn ich nach dem Bruder fragte: der Bruder ist doch immer der Bruder eines anderen: eines Bruders, einer Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und jetzt versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: Ist Eros also die Liebe zu etwas anderem oder nicht?“ „Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas anderem!“ „Gut, das merke dir vorläufig und antworte mir weiter: Begehrt Eros nach dem, was er liebt, oder begehrt er nicht danach?“ „Eros begehrt danach!“ „Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, wonach er begehrt, oder besitzt er es nicht?“ „Er besitzt es wahrscheinlich nicht!“ „Vielleicht ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus notwendig, daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, und umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, dir nicht auch, Agathon?“ „Ja!“ „Also! Ein Großer will doch nicht noch groß, ein Starker nicht noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch fehlen, was er schon ist. Denn wenn ein Starker noch stark, ein Schneller schnell, ein Gesunder gesund sein wollte, so müßten wir dann glauben, daß sie und ihresgleichen immer noch das begehren, was sie schon besitzen oder was sie schon sind. Damit wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum – sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in der Gegenwart besitzen, ob sie wollen oder nicht, und wer würde da noch das begehren, was er schon besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin gesund und will gesund sein, oder ich bin reich und will reich sein, ich begehre das kurz, was ich schon besitze, so müßten wir ihm doch erwidern: ‚Mensch, da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß dir das alles, was du in der Gegenwart besitzest, auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach, ob du es so meintest?‘ Da wirst du mir doch recht geben, Agathon?“ „Ja!“ „Wir begehren also nach dem, was uns nicht zu eigen ist und was wir nicht besitzen, wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben wollen?“ „Entschieden!“ „Jeder begehrt also nur nach dem, was ihm nicht zu eigen, nicht gegenwärtig ist; und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind, kurz das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde und die Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: Eros ist also die Liebe, zunächst zu irgend etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt, die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?“ „Ja!“ „Erinnerst du dich noch daran, wozu du Eros in deiner Rede in Beziehung setztest? Ich will es dir, wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich nicht irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der Götter ist durch die Liebe zu allem Schönen bestimmt; es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest du nicht so?“ „Ja, das waren meine Worte.“ „Und da hattest du sehr richtig gesprochen. Und darum wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!“ „Natürlich!“ „Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen, daß wir nur, was uns noch fehlt und was wir noch nicht besitzen, lieben?“ „Ja!“ „Es fehlt also Eros die Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die Schönheit!“ „Ja!“ „Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß der, dem die Schönheit fehlt, schön sei?“ „Nein!“ „Du gibst mir also recht, wenn ich sage, Eros sei nicht schön?“ „Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!“ „Aber du hast dennoch sehr schön vorhin gesprochen, Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint dir nicht auch das Gute schön zu sein?“ „Ja!“ „Wenn also Eros alles Schöne fehlt und das Schöne auch gut ist, so muß Eros auch alles Gute fehlen. Nicht?“ „Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, es ist alles so, wie du es sagst.“ „Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur der Wahrheit nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar nicht an.“