„Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! Meine Rede über Eros habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also, Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher Art Eros sei, und dann werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon, zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: ‚Wie redest du nur, Diotima, Eros wäre also häßlich und böse?‘ Doch sie antwortete: ‚Du lästerst, Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum gleich häßlich sein?‘ ‚Nein!‘ ‚Oder, was nicht weise sei, müsse darum gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der Weisheit und der Unwissenheit da sei?‘ ‚Was ist dieses?‘ ‚Wenn einer zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem Verständnis und der Unwissenheit!‘ ‚Da hast du wohl recht, Diotima!‘ ‚Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und, was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön noch gut ist; auch Eros ist etwas in der Mitte von beiden und zwischen schön und häßlich und zwischen gut und böse!‘
‚Aber alle‘, entgegnete ich da, ‚sind doch darin einig und nennen Eros einen mächtigen Gott!‘ ‚Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die Wissenden oder die Unwissenden?‘ ‚Alle, Diotima, ich sage, alle!‘ Und jetzt lachte sie: ‚Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?‘ ‚Wer behauptet es denn?‘ ‚Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!‘ ‚Ich verstehe dich nicht!‘ ‚Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?‘ ‚Nein, bei Zeus, niemals!‘ ‚Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute, alles Schöne besitzen?‘ ‚Ja, natürlich!‘ ‚Du hast ja aber doch eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht besitzt.‘ ‚Ja!‘ ‚Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?‘ ‚Es ist nicht möglich, Diotima!‘ ‚Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!‘
‚Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den Sterblichen?‘ ‚O nein!‘ ‚Ja, was ist er, sprich?‘ ‚Wir sahen es doch eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem Unsterblichen und dem Sterblichen!‘ ‚Und?‘ ‚Ein Dämon, Sokrates, ist Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!‘ ‚Und wo ist dann seine Macht?‘ ‚Der Dämon ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist Eros!‘ ‚Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?‘ ‚Das ist lang, aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte – es gab ja damals noch keinen Wein – und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein: sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt, das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich meine das so: Von den Göttern ist niemand das, was wir Philosoph nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.‘ ‚Und wer sind nun, Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein können?‘ ‚Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt. Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn, was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und vollendet und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir sein Bild gegeben.‘ ‚Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,‘ sprach ich.
‚Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von diesem Heiland?‘ ‚Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren, und sein Begehren ist – so sagtest du doch – das Schöne. Wenn man uns nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der Liebende von dem Schönen, das er begehrt?‘ ‚Er will es besitzen,‘ antwortete ich. ‚Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?‘ ‚Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!‘ ‚Nun, wenn ich statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?‘ ‚Er will, daß ihm das Gute zu eigen werde!‘ ‚Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu eigen wurde?‘ ‚Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist heil!‘ ‚Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage zu Ende.‘ ‚Ja!‘ ‚Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?‘ ‚Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!‘ ‚Müßten wir also darum nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben nicht?‘ ‚Mir war das nie ganz klar!‘ ‚Es wird dir klar werden: denn von dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann andere Namen!‘ ‚Wie ist das?‘ ‚So – du weißt doch, daß der Begriff Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!‘ ‚Ja, da sprichst du wahr!‘ ‚Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es, und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.‘ ‚Ich glaube, du hast recht!‘ ‚Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht, liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein, Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?‘ ‚Bei Zeus, ja, das ist auch mein Glauben!‘ ‚Aber auch hier dürfen wir nicht einfach behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen, nicht wahr?‘ ‚Ja!‘ ‚Und sie will es nicht nur heute und morgen haben, die Liebe will es ewig besitzen!‘ ‚Ja!‘ ‚Ich fasse also zusammen und sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten, nach der Tugend.‘ ‚Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!‘
‚Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?‘ ‚Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima, staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.‘ ‚So will ich dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen, Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?‘ ‚Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten, Diotima; ich verstehe dich nicht!‘ ‚So will ich deutlicher sein. Allen Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären. In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen, und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem, dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt. Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst, Sokrates?‘ ‚Sondern?‘ ‚Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne gebären!‘ ‚Jetzt verstehe ich dich!‘ ‚Ja, so ist es auch. Und warum, frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.‘
So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und einmal stellte sie mir folgende Frage: ‚Sokrates, was hältst du nun für die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt, dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe gegeben, kannst du mir das sagen?‘ Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht zu sagen, rief sie: ‚Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen, und weißt das nicht!‘ ‚Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima; ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die Ursache!‘ ‚Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen, Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das Verlorene wieder und – wie soll ich sagen – retten das Wissen, so daß es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es immer wieder gerettet – alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht, zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich. Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!‘
Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief: ‚Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?‘ und da fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: ‚Wie sollte es denn sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«, für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm »Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger, und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen, im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will – und wo dieser der schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu erziehen. Er hängt dann an ihm, dem Schönen, und weckt ihn und folgt ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären. Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen, wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die vielen Altäre gebaut worden.
‚In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, konntest du leicht eingeweiht werden: ich weiß aber nicht, o Sokrates, ob du darum schon der letzten und höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die alles andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft ihrer teilhaft werden kann. Doch ich will dir von ihnen reden und werde den Mut nicht verlieren, du aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn also einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß er früh schon nach schönen Körpern ausspähen und schönen Körpern nachgehen und, so er gut geführt sein will, nur einen Körper lieben, nur einen, und in diesem einen die edlen Worte zeugen. Dann erst darf er erfahren, daß diese Schönheit des einen Körpers jener eines anderen gleicht, wie Schwestern einander gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne Art und das schöne Bild, wenn er die Liebe will, so wäre es nur seine Torheit, dieselbe Schönheit nicht in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und darum und jetzt wird er es verachten und für niedrig halten, alle Leidenschaft für einen Körper zu haben, und er wird die Schönheit aller Körper lieben. Aber auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird die Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der Seele wird ihm würdiger erscheinen als die Schönheit des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen Menschen, wenn sein Leib auch unschön wäre, lieben und um ihn besorgt sein und edle Worte in ihm zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die Jünglinge besser zu machen vermögen, auf daß auch er gezwungen werde, die Schönheit in den Sitten und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die gleiche Schönheit zu sehen. Und von den Sitten wird er ihn zu den Wissenschaften führen, damit er auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und so im Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr wie ein Sklave nach der Schönheit dieses einen Knaben verlange und dieses einen Menschen, dieser einen Sitte Schönheit wolle und gemein sei und kleinlich und an Worten hänge, sondern, an die Ufer des großen Meeres der Schönheit gebracht, hier viele edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und reif jenes einzige Wissen, das da das Wissen des Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates, so viel du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das Schöne in seiner Ordnung erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe seiner Liebe ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit der Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, Sokrates, um dessentwillen alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da ist und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird und nicht verliert, das Schöne, das nicht hierin schön und heute schön und da schön und für diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich und dort häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, das wir uns nicht das eine Mal im Gesichte, ein anderes Mal an den Händen oder sonstwo am Körper einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, im Tiere, auf der Erde oder am Himmel finden; er wird das Schöne schauen, das da sich selbst und in sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, was sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein Teil sein und werden und vergehen, und nur das ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort unten, weil er den Geliebten richtig zu lieben wußte, empor zu steigen und jenes ewig Schöne zu schauen beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. Noch einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe gehen und geführt werden: er wird zuerst von allen Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen Schönheit wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, Stufen: auf der ersten sieht er die Schönheit eines Körpers, auf der zweiten die Schönheit zweier, und dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen Sitten, von den schönen Sitten zu den schönen Lehren, und von den schönen Lehren trägt ihn noch die letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da die ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,‘ rief das prophetische Weib, ‚hier, wenn irgendwo, ist das Leben lebenswert, hier, wo du die ewige Schönheit schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir nicht scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern oder gleich jenen schönen Knaben und Jünglingen zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen erschrecken, und bei denen ihr dann immer weilen wollt, weilen ohne zu essen und zu trinken, nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, jene ewige Schönheit selbst klar und rein und ungemischt, nicht am menschlichen Fleisch, in den Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, sich selbst eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, dein Leben oder das Leben eines anderen wäre dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und bei jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du nicht, daß die Vollendung dem Menschen nur dort zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und nicht mehr die Bilder der Tugend – denn an Bildern kann sein Blick dort nicht mehr haften – sondern die Wahrheit selbst, da er sie dort erblickt, zeugt, und glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt und, wenn je ein Mensch, unsterblich sein wird?‘
Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat Diotima mich gelehrt, und sie hat mich überzeugt. Und seitdem suche ich auch die andern zu überzeugen – zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut zu erreichen, niemand einen besseren Führer als Eros wählen könne. Und darum rufe ich jedem zu, er solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und lerne und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, und heiße dasselbe auch die andern, und heute und immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist, Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu euch gesprochen habe, als meine Lobrede; wenn du nicht willst, so nenne meine Rede anders und wie du es willst.“
Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn alle, nur Aristophanes wollte etwas erwidern, weil Sokrates auf seine Worte irgendwie angespielt hatte. Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht, wie nur Betrunkene pochen, und man hörte die Töne einer Flötenspielerin. Agathon rief den Knaben zu: „Seht doch nach! Wenn es ein Freund ist, so ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken nicht mehr und wollen schlafen!“ Gleich darauf aber konnte man die Stimme des Alkibiades unterscheiden: er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt sein. Doch schon kam er, auf die Flötenspielerin gestützt, mit einigen Begleitern herein und blieb in der Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen und hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. „Seid mir gegrüßt, Männer!“ rief er. „Wollt ihr einen Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß ich wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, denn darum bin ich gekommen? Ich konnte nämlich gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin ich da und habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem Haupt auf das Haupt des weisesten und schönsten Jünglings lege. Ich sehe, ihr lacht mich aus, weil ich betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß trotzdem, daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf ich unter diesen Bedingungen herein oder nicht? Wollt ihr mit mir noch trinken?“ Da jauchzten ihm alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen legen, und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn Alkibiades, von seinen Leuten geführt, herein, und während er die Bänder abnahm, um Agathon zu schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß er Sokrates nicht sehen konnte, und legte sich neben Agathon zwischen diesen und Sokrates. Sokrates rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades sehr schön mit Agathon und wand ihm die Bänder ins Haar. Agathon rief den Knaben zu: „So nehmt auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter hier mit uns sitze.“ „Ja, ja, tut das,“ forderte Alkibiades die Knaben auf, „wer ist aber der dritte hier?“ Und da er sich umdrehte und Sokrates erblickte, sprang er auf und schrie: „Bei Herakles, wer ist das? Sokrates, du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? Immer zeigst du dich ganz plötzlich, wo ich dich am wenigsten erwarte. Warum bist du nur hergekommen? Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist bei Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu machen versteht, kein Platz gewesen? Mußtest du dich gerade zu dem Schönsten setzen?“ Sokrates wandte sich da zu Agathon: „Jetzt mußt du mich in Schutz nehmen! Die Liebe dieses Menschen ist mir, wie du siehst, ziemlich unbequem geworden. Seit ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst macht er mir in seiner Eifersucht und Mißgunst die größten Torheiten und schmäht mich und kann oft kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß er vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber handgreiflich werden, so halte ihn zurück; ich habe beinahe Angst vor seiner Liebeswut.“ „O, zwischen uns beiden“, erwiderte Alkibiades, „gibt es keine Versöhnung! Hier und jetzt gleich will ich mich an dir rächen. Agathon, gib mir einige von deinen Bändern zurück, damit ich sie auf dieses wunderherrliche Haupt hier lege! Sokrates soll mir nicht vorwerfen, ich hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du gestern, sondern immer siegt.“ Und so nahm Alkibiades von den Bändern des Agathon und wand sie um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich wieder. „Wohlan denn, Männer,“ rief er, „ihr scheint mir alle noch recht nüchtern zu sein. Das darf ich nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken. Wir haben das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken drin seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden der Zeche. Agathon, laß einen großen Krug bringen, wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht nötig; bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, er enthält mehr als acht kleine Becher!“ Der Kühler wurde also gefüllt, und Alkibiades trank ihn aus, dann ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief: „Gegen Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man ihn heißt, und wird nie betrunken.“ Der Knabe hatte eingeschenkt, und auch Sokrates trank schon. Da fiel aber Eryximachos ein: „Wie machen wir es aber weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden oder singen und einfach nur trinken wie Leute, die eben Durst haben?“ „O Eryximachos“, rief Alkibiades, „du bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei mir gegrüßt!“ „Und du mir!“ entgegnete Eryximachos, „aber wie machen wir es nun?“ „Wie du befiehlst; ich gehorche deinem Worte! ‚Denn es hat der Arzt die Würde von vielen.‘ Sage, wie du es haben willst!“ „So höre! Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, daß jeder von uns, der Reihe nach von rechts, eine Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte, und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine Rede gehalten. Da nur du bisher weder getrunken noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du jetzt uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, und Sokrates muß es wieder an seinen Nachbar zu rechts weitergeben usw. Das Thema kannst du selber wählen.“ „Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt; es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene den Nüchternen das Thema gebe. Und dann, Glücklicher, glaubst du etwas von allem, was Sokrates vorhin gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist wahr! Denn er, er kann mit den Händen kaum an sich halten, wenn ich in seiner Gegenwart irgend jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.“ „Lästerst du hier nicht?“ fragte Sokrates. „Bei Poseidon! Du kannst mir nicht widersprechen, wenn ich behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart niemand anderen loben!“ „Ja, dann mache es doch so:“ sagte Eryximachos, „preise Sokrates!“ „Wie meinst du das? Sollte ich es tun, Eryximachos? Sollte ich ihm auf diese Weise beikommen und mich vor euch an ihm rächen?“ „Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem Lobe lächerlich machen? Oder was willst du?“ sagte Sokrates. „Ich will die Wahrheit sagen: hast du jetzt etwas dagegen?“ „O nein, gegen die Wahrheit habe ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!“ „Und ich werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: Wenn ich nicht die Wahrheit sage, so unterbrich mich, wenn du willst, nur gleich mitten im Reden und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht lügen. Wenn ich aber in meiner Erinnerung da und dort Sprünge mache, nimm es nicht übel! Es ist in meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen in einer gewissen Ordnung zu schildern.