So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich will versuchen, ihn in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht glauben, daß ich ihn durch die Bilder lächerlich machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates gleicht jenen Silenen, die ihr in den Werkstätten der Bildhauer findet. Die Künstler bilden sie gewöhnlich mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und geben ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, erblickt im Inneren kleine Bildsäulen der Götter. Ich sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas, dem Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst du selber nicht bestreiten wollen, Sokrates! Worin du dem Satyr aber sonst noch gleichst, das höre nun! Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates! Wenn du nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist wie er ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte zu spielen und schöner als Marsyas. Denn Marsyas lockte die Menschen mit seinem Instrument durch die Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, die seine Weisen spielen. Was Olympos spielte, das hatte er von Marsyas gelernt. Ob sie ein guter Flötenspieler oder eine von den gewöhnlichen Flötenspielerinnen spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren den, der der Götter und der Weihen bedürftig ist; denn des Marsyas Weisen sind göttlich. Du aber, Sokrates, unterscheidest dich nur darin von Marsyas, daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er auch der beste Redner, hören, so geht uns das gewöhnlich sozusagen gar nichts an. Wer dich, dich selbst hört oder deine Worte von einem andern, und wäre dieser der gemeinste unter den Menschen, wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe zuhört, wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum zu halten. O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz betrunken erscheinen sollte, so würde ich euch es sagen und jeden Satz beschwören, was ich durch seine Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn ich Sokrates höre, da schlägt mein Herz stärker als das Herz des Korybanten, und ich vergieße Tränen, und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles und die anderen großen Redner gehört; mir schien da immer nur, sie sprächen gut, ja, aber ich erfuhr durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein Sklave sich gegen den Herrn aufbäumt. Aber dieser Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht, daß mir das Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, du kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und ich weiß ganz genau, daß, wenn ich jetzt, so wie ich hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht an mich halten könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht zu geben, wenn er behauptet, selber noch voll von Fehlern, vernachlässigte ich mich und beschäftigte mich mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor den Sirenen fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit ich nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so habe ich durch ihn erfahren, was niemand in mir wohl gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham erfahren. Ja, vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. Ich bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und zu sagen: Ich muß nicht das tun, was du von mir willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn ich ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz wieder packt. Und so laufe ich vor ihm weg und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich ihn sehe, alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich eingeräumt habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn.
Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen dieses Satyrs viel gelitten, und ihr habt von mir gehört, worin er den Wesen ähnlich ist, mit denen ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns ward. Aber wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar nicht, und da ich einmal begonnen, so will ich ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie herum und ist immer erregt in seinen Gebärden! Ist das nicht Silenenart? Und wie einer jener gemeißelten Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber den Silen öffnet, Freunde und Zechgenossen, wie sieht er diesen da nicht ganz voll von Weisheit und Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es dann gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er verachtet dessen Schönheit so gründlich, wie niemand es erwarten würde, und es ist ihm ganz gleichgültig, ob einer von denen, welche da immer von der Menge glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe Stellung habe. Sokrates hält diese Güter für wertlos und uns selbst für eitel – merkt euch das –, wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in ihn hineingeblickt und in ihm die Götterbildnisse gesehen hat, wenn Sokrates ernst und wie offen ist. Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen zu haben und lauter Gold und überaus Schönes und Wunder, und darum muß ich von nun an immer tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen, hielt ich es für meinen Stern und mein großes Glück, denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz hinzugeben, um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt viel von meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein mit Sokrates gewesen, aber jetzt und in meiner großen Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war das erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze Wahrheit sagen, seid aufmerksam, und wenn ich lüge, dann, Sokrates, überführe mich. Ich war also allein mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört, zum Geliebten spricht, und war selig. Aber nichts dergleichen geschah; Sokrates sprach zu mir wie immer, blieb den Tag über da und ging dann fort. Das nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu turnen; vielleicht könnte ich auf diese Weise etwas von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates turnte auch und rang oft mit mir, während niemand zusah. Ach, wie soll ich es nur sagen! Auch das half nichts. Und da ich zu keinem Ziele kommen konnte, beschloß ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen; ich mußte endlich wissen, wie ich mit ihm stünde. Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie ihr seht, lief ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund dem Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner Bitte, aber nach einiger Zeit kam er wirklich. Beim ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen fort, und ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch gehen ließ. Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich eine List: nachdem wir gegessen hatten, sprach ich ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein, und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es sei schon zu spät, und zwang ihn zu bleiben. Und wirklich, diesmal legte er sich denn auf meinem Lager nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen hatten, und niemand anders außer uns beiden schlief in dieser Nacht im Hause. Was ich bis hierher erzählt habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem Munde vernommen haben, wenn erstens nicht, wie es heißt, der Wein und die Kinder oder der Wein allein – ohne die Kinder – die Wahrheit sprächen, und wenn zweitens es mir nicht unrecht schiene, eine so außerordentliche Tat des Sokrates zu verschweigen. Und dann, es ist mir heute noch wie einem, den die Natter gebissen hat; und die Leute sagen, wen jemals eine Natter gebissen hat, der könne, wie das wäre, nur jenen wieder schildern, welchen ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden und mitempfänden, wenn einer im Schmerze dann alles zu tun und zu sagen wagt. Ich hatte aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo es am meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen, oder wie man das nennen soll, wohin uns die Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer wilderen Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht unedlen Jünglings greifen und ihn zu allem fähig machen. Ich sehe euch hier um mich, wie immer ihr heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon, Eryximachos, Pausanias, Aristodemos und Aristophanes, wozu soll ich noch Sokrates selbst nennen oder die vielen anderen? Ihr alle seid gebissen worden und voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie! Und darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr allein werdet verzeihen, was ich damals alles tat und jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst noch hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große Tore vor die Ohren!
Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das Licht ausgelöscht hatte, war ich entschlossen, nichts mehr zu beschönigen, sondern frei zu sagen, was ich sagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und sprach: ‚Sokrates, schläfst du?‘ ‚Nein, noch nicht!‘ gab er zur Antwort. ‚Weißt du, was ich glaube?‘ ‚Was denn?‘ ‚Ich glaube, du liebst mich und bist allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst du noch, mir es zu gestehen. Ich denke aber so: Ich würde mir töricht vorkommen, wenn ich mich dir nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn ihr davon verlangtet. Ich weiß nichts Heiligeres, als so gut wie möglich zu werden, und wenn du mir dazu helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen. Wenn ich mich einem solchen Menschen wie dir nicht hingäbe, so würde ich mich vor den Wissenden viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und den Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.‘ Da Sokrates mich also gehört hatte, erwiderte er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: ‚Mein geliebter Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn das, was du von mir behauptest, wahr ist und in mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu machen vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit in mir sehen, eine Schönheit, die sich bedeutend von deiner schönen Gestalt unterscheidet. Wenn du sie mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit tauschen willst, so mußt du im Sinne haben, mich ein wenig zu übervorteilen: du willst da für deine schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher, sieh genau hin: ich bin vielleicht ganz ohne Wert! Der Blick der Vernunft wird schärfer sehen, wenn deine beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du weit davon entfernt.‘ Ich hörte ihm zu und sagte nur: ‚Was ich zu sagen hatte und wie ich denke, habe ich gesagt; denke du jetzt darüber nach, was dich für uns beide am besten dünkt!‘ ‚Ja, da hast du recht,‘ erwiderte Sokrates, ‚von nun an werden wir beide darüber nachdenken und nur das tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten dünkt!‘ Das hatte ich nun von Sokrates gehört, und so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte, der Pfeil sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand also auf, und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte ich meinen Mantel um Sokrates – es war Winter – und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine Arme um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons und lag so neben ihm die ganze Nacht. Sokrates, du wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon nicht wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan hatte, wurde er ganz anders zu mir und verachtete und verlachte meine Schönheit und nahm sich alles gegen mich heraus! Ihr Richter – und ihr, die ihr hier sitzt, seid die Richter seiner Überhebung – bei den Göttern, bei den Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte nicht anders neben ihm, als wenn ich mit meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte.
Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden haben? Er verachtete mich – ich nahm es doch so – und ich, ich liebte seine Art, seine Weisheit, seine Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen von so hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich ihm nie im Leben zu begegnen glaubte! Ich konnte also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch hatte ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt, daß Gold ihn noch weniger zu verwunden vermöchte, als Eisen den Aias; dort also, wo allein ich ihn fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich war hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die dieser Mensch mich geschlossen hatte.
Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam den Feldzug gegen Potidaia mitmachten und dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem war Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur mir, sondern überhaupt allen Soldaten überlegen. So oft wir, wie das im Kriege vorkommt, irgendwo abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten, konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es dagegen Überfluß gab, konnte er wieder mehr essen als andere, und freiwillig zwar nicht, aber gezwungen, trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken gesehen. Er wird euch gleich hier den Beweis geben. Wie er die Kälte ertrug – die Winter sind dort streng – auch das klingt wie ein Wunder. Es hatte einmal stark gefroren, die Soldaten verließen entweder überhaupt nicht die Zelte oder, wenn einer ausging, wickelte er sich wunder wie ein und hatte die Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam im Rock, den er immer trug, heraus und spazierte barfuß leichter durch den Frost als alle, die ihre Schuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch an und mußten denken, er wolle sich über sie nur lustig machen. Doch davon genug.
Aber „wie er jenes Große vollbracht, der gewaltige Mann, und bestanden“, damals im Kriege, das müßt ihr noch hören. Eines Morgens kam er in Gedanken und blieb stehen und sann, und da er es scheinbar nicht heraus bekam, gab er nicht nach und blieb weiter stehen und suchte. Es war schon Mittag geworden; die Leute wunderten sich über ihn und einer sagte es dem anderen: Sokrates steht seit frühem Morgen auf einem Fleck, rührt sich nicht und denkt nach! Da es Abend geworden war und alle gegessen hatten, trugen einige jüngere Soldaten ihre Betten aus den Zelten – wir waren im Sommer – und wollten im Kühlen schlafen und zugleich sehen, ob denn Sokrates auch in der Nacht auf demselben Fleck stehen bleiben werde. Und wirklich, Sokrates blieb die ganze Nacht stehen, bis der Morgen kam und die Sonne aufging, dann sprach er der Sonne sein Gebet und ging fort. Und hört jetzt, wie er in der Schlacht selbst war – auch hier darf ich ihm nichts schuldig bleiben! In jener Schlacht, nach welcher mir die Feldherrn den Preis zuerkannten, hat er mir das Leben gerettet; als ich verwundet am Boden lag, ist er bei mir geblieben und hat mich und meine Waffen in Sicherheit gebracht. Und schon damals forderte ich die Feldherrn auf, dir, Sokrates, den Preis zuzuerkennen – auch hierin wirst du mir nicht unrecht geben und sagen, ich lüge. Die Feldherrn aber sahen auf meinen Adel und beschlossen darum, ihn mir zu geben, und du wünschtest es noch eifriger als sie, daß ich ihn habe. Und dann, Männer, hättet ihr Sokrates sehen sollen, als das ganze Heer von Delion auf der Flucht war. Ich war damals zu Pferde und er in voller Rüstung zu Fuß. Das ganze Heer war in wilder Unordnung, er ging mit Laches. Da treffe ich sie und rufe ihnen Mut zu und meinte, ich wolle sie nicht verlassen. Und hier sah ich Sokrates noch herrlicher als in Potidaia. Da ich zu Pferde war, hatte ich weniger Furcht. Aber, wie damals Sokrates den Laches an Haltung übertraf! Ich sah ihn dort leibhaftig wie du, Aristophanes, ihn schilderst: trotzigen Blicks, mit rollenden Augen; ruhig sah er rechts und links die Freunde und Feinde, und man wußte schon von weitem, daß, wenn ihn jetzt hier einer angreifen wollte, er sich dessen erwehren würde. Und er und sein Begleiter kamen darum auch ganz sicher durch. Denn Soldaten von seiner Haltung werden im Kriege selten angegriffen, und der Feind hat es viel mehr auf die abgesehen, die kopfüber fliehen. Vieles Andere noch und Herrliches könnte ich an Sokrates rühmen; aber was er sonst noch alles tat, das könnte oft auch ein anderer getan haben: das Wunder an ihm ist, daß er keinem Menschen weder unter den Alten noch unter den Lebenden gleicht. Mit Achilleus könnte man schließlich Brasidas, mit Perikles Nestor und Antenor vergleichen, es finden sich da immer noch andere. Immer kann man da den einen mit dem anderen vergleichen. Dieser Mensch aber, er selbst und seine Worte, ist so sonderbar gewachsen, daß niemand weder unter den Alten, noch unter den Lebenden seinesgleichen finden würde, es sei denn, daß er ihn, wie ich es tat, mit Menschen überhaupt nicht, sondern mit den Silenen und Satyrn ihn und seine Worte vergliche.
Denn ich vergaß es vorhin zu sagen, daß auch seine Worte jenen geöffneten Silenen gleichen. Wenn jemand zuerst seine Redensarten hört, erscheinen sie ihm lächerlich. Sokrates hüllt sich da in Namen und Ausdrücke, wie ein wilder Satyr in sein Fell. Er spricht von Lasteseln oder Schmieden oder Schustern oder Gerbern; es sieht aus, als ob er immer mit denselben Worten dasselbe sagte, so daß der Unerfahrene und Ungebildete über diese Reden lacht. Wer sie aber erschließt und in sie hinein kann, der wird gleich finden, wie gerade seine Worte ein Sinn verbinde und daß sie göttlich seien und Bilder höchster Tugend, und daß sie überallhin reichen und vor allem dorthin, wohin der Mensch, der nach Veredlung und Besserung strebt, seinen Blick richtet.
Das alles, Männer, ist es, was ich an Sokrates preise. Ich habe auch den Tadel in das Lob gemischt und euch gesagt, wie er mich verletzt hat. Aber nicht nur mir hat er das angetan, sondern Charmides, der Sohn des Glaukon, und Euthydemos, des Diokles Sohn, und viele andere haben ein gleiches erfahren: er hat sie alle getäuscht und ist ihnen statt eines Freundes der Geliebte geworden. Auch dir, Agathon, sage ich: laß dich nicht von ihm betrügen; lerne von unseren Leiden und sei auf der Hut und mache es nicht wie die Toren, die, wie das Sprichwort sagt, erst durch Schaden klug werden!“
Da Alkibiades also gesprochen hatte, mußten alle über seine Offenherzigkeit lachen, denn er schien ihnen noch immer, nach wie vor, Sokrates zu lieben. Sokrates rief: „Alkibiades, ich glaube wirklich, du bist nüchtern. Denn sonst würdest du kaum so sinnreich zu verstecken versucht haben, warum du überhaupt alles das gesagt hast. Wie etwas Nebensächliches hast du es an das Ende gesetzt, als ob nicht alle deine Worte den einzigen Zweck gehabt hätten, mich und Agathon zu entzweien, denn du glaubst, ich dürfe nur dich und sonst niemand lieben und Agathon wieder dürfe nur von dir allein geliebt werden. Du hast das nicht verbergen können, dein Satyr- und Silenendrama hat uns alles verraten. Aber, mein geliebter Agathon, das soll ihm nicht helfen; sorge nur, daß er uns beide nicht entzweie.“ Agathon entgegnete: „Sokrates, du hast recht. Sieh nur, wie er sich zwischen mich und dich gelegt hat, um uns beide auseinander zu bringen! Es ist aber umsonst, denn ich werde gleich an deine Seite kommen und mich zu dir legen.“ „Ja, ja,“ meinte Sokrates, „komme nur her und lege dich zu mir hin!“ „Beim Zeus,“ rief da Alkibiades, „was muß ich von diesem Menschen nicht alles ertragen! Er glaubt mich überall ausstechen zu müssen. Aber, Herrlicher, wenn es schon nicht anders geht, so laß wenigstens Agathon zwischen uns.“ „Das ist unmöglich;“ rief Sokrates, „du hast mich gelobt, und jetzt ist an mir die Reihe, nach rechts jemanden zu loben. Wenn Agathon zwischen uns kommt, so müßte er auf mich wieder eine Lobrede halten, er soll aber umgekehrt jetzt von mir gelobt werden. Laß uns also, mein Bester, und beneide nicht einen Jüngling um das Lob, das ich ihm reden will; ich selbst habe auch das Bedürfnis, Agathon zu preisen!“ Und Agathon rief: „Armer Alkibiades, ich darf hier nicht bleiben und muß den Platz wechseln, damit Sokrates mich lobe!“ Und Alkibiades: „Da sehen wir es also: wenn Sokrates da ist, kann man nichts mehr von den schönen Jünglingen haben. Und wie klug er sich es ausgedacht hat, warum Agathon neben ihm sitzen müsse! O Sokrates, Sokrates!“
Nun ist Agathon aufgestanden und hat sich neben Sokrates gelegt. Da kam plötzlich eine Menge von Zechern an die Tür, und da diese offen stand – es war eben jemand herausgegangen – so konnten diese weiter und sich zu den anderen legen. Es herrschte dann viel Lärm, und ohne Ordnung ward jeder gezwungen, so viel wie möglich zu trinken. Eryximachos, Phaidros und andere, erzählte Aristodemos, wären weggegangen, ihn selbst hätte der Schlaf gepackt und er hätte fest geschlafen – es wäre ja sehr spät gewesen – und wäre erst gegen Morgen aufgewacht, da die Lerchen schon sangen. Da hätte er denn die einen schlafen gesehen, andere wären fortgegangen, und nur Agathon und Aristophanes und Sokrates wären noch wach gewesen und hätten aus einem großen Krug getrunken und ihn immer wieder nach rechts sich gereicht. Sokrates hätte zu ihnen gesprochen. Aristodemos konnte sich aber nicht an alles erinnern, er hätte den Anfang nicht hören können und jetzt noch etwas geduselt. In der Hauptsache aber, meinte er, hätte Sokrates beide dazu gebracht, ihm zuzugeben, daß ein und derselbe Dichter die Komödie und die Tragödie beherrschen müßte, und daß der Tragödiendichter auch ein Komödiendichter wäre. Agathon und Aristophanes hätten ihm aber nicht mehr ganz zu folgen vermocht und wären ab und zu in den Schlaf genickt. Zuerst wäre Aristophanes eingeschlafen, dann gegen Morgen Agathon. Sokrates aber sei, nachdem er sie also zur Ruhe gebracht, aufgestanden und weggegangen, Aristodemos ihm nach seiner Gewohnheit gefolgt. Sokrates wäre ins Lykeion gekommen, hätte dort gebadet und den ganzen Tag zugebracht und dann erst gegen Abend zu Hause sich zur Ruhe gelegt.