Aber es hätte alles angefangen mit einer großen Lüge.

Sich ohne Liebe zu geben, dazu sagte ihr ganzes Wesen „Nein“. Und ihre Liebe wohnte bei dem einen, für den sie zwecklos war in dieser rätselvollen Welt.

Und Karen setzte die Füße fest auf, als wollte sie die grübelnden Gedanken unter sich treten. Da sah sie die Fischerhäuser vor sich liegen, und sie atmete tief auf. Sie mußte irgendwo zugreifen — vielleicht daß sie ihm helfen könnte durch die Frau. Sie mußte eben aufhorchen und achten, wenn der Augenblick kam, daß diese stumme Liebe zur Tat werden konnte.

Da stand sie vor dem Hause und schob die Gartentür auf. Mutter Lassens laute Stimme fiel ihr schrill entgegen, daß sie zurückstutzte. Denn dieses Volk zwischen den großen, stillen Weiten hat oft einen Abscheu vor dem Lauten und Rohen. Und Karen war auf einem einsamen Hofe ausgewachsen zwischen schweigsamen Leuten. Dann trat sie rasch über die Schwelle, aber in ihrer Art war etwas Gezwungenes. Und wie sie Trina ansprach, fühlte die es gleich, und das laute, breite Lachen grüßte Karen wie ein Schlag.

Da ging es wie ein kühler Hauch über ihr Wesen, und im harten Kampf gegen ihre Art bekamen die klaren, hellen Augen fast etwas Hochmütiges. Das verwirrte Trina nur mehr, daß sie nicht verstand, was Karen von ihr wollte, und ihre Art immer unsicherer und alberner wurde. Und dazwischen kam immer wieder das laute Lachen und breitete Trinas Gesicht, bis das Rohe es fast unkenntlich machte. Es war Karen fast unheimlich, mit ihr zu reden, und sie wandte sich an Mutter Lassen mit ihrem Auftrage. Die stemmte die Arme ein und kam diensteifrig heran, und ihr Gesicht legte sie in würdige Falten. Aber der Gedanke, daß diese zwei zu Lars gehörten, stieg in Karen auf wie ein zorniger Widerwillen. Mutter Lassens schwatzender Bereitwilligkeit antwortete sie mit knappen Worten, und in den Worten und den hellen Augen lag es immer wie Hochmut.

Dann wandte sie sich nach der Tür, und ihr Abschied von den beiden war wie eine Flucht.

Sie ging langsam über die Koppeln hinauf; denn seit dem Tode der Eltern hatte noch niemals so schwere Last auf ihr geruht wie heute. Und bei jedem Schritt stieg deutlicher das Bewußtsein von ihrer eigenen hochmütigen Kälte in ihr auf. Es war fast unerträglich, diese wachsende Scham. Und all das ahnungsjunge Frühlingshoffen von vorhin ward daneben wie ein lächerlicher Hohn.

Sie kam am Waldesrand entlang. — Und tief aus den kahlen, dämmerigen Tiefen zog ein Klingen hinaus in die weiche, graue Luft. Es legte sich um das Menschenherz wie unsagbares Sehnen nach unerreichbarem Licht, und wieder wie ein zartes wachsendes Hoffen auf wunderlich-rätselvoll Verborgenes, ein Aufquellen aus geheimnisvollen Gründen, ein jauchzendes Erschauen und dann ein zart verklingendes, ahnungsvolles Hoffen.

Es war die erste Drossel, die Karen in diesem grauen Vorfrühling sang. Und sie legte die Hand über die Augen, und ihre Seele ging langsam Schritt um Schritt aus ihrer eigenen Unrast hin zu der hellen, rauschenden Quelle, aus der sie sich schon so oftmals junge, freie Kraft geschöpft hatte.