Es war wieder Sommer, und an Onkel Gusts Hause blühten an der Gartenseite die Rosen.
So ein Nachhausekommen am Sonnabend, wenn die kleine Bucht im stillen Abendsonnenschein lag und man das öde Mauergewirr hinter sich wußte, warf doch einen ganz anderen Schein auf die Dinge. Selbst Tante Jette schien erträglich, und Mietes Vorzüge waren in ein glänzendes Licht getreten. In den Jahren, wo andern Mädchen einzelne Gliedmaßen und Gesichtszüge davonzulaufen scheinen, die dann erst mit achtzehn, neunzehn Jahren eingeholt werden, war sie immer ein feines, schmuckes, kleines Mädchen geblieben. Ihr hübsches blondes Haar hing Sonntags offen über ihren Rücken herunter, und eine blaue Schleife saß an der Seite. Ihr vornehmes Wesen sagte an so einem Tage jedem, daß sie heute das gute Kleid trug. Da war freilich wenig mit ihr anzufangen für einen knapp vierzehnjährigen Quartaner. Aber draußen in der Laube verstanden sie sich doch recht gut. Dort in der Tischschublade fanden sich Wurst- und Kuchenstücke, die liebende Fürsorge ihm heimlich aufgehoben hatte. Wenn sie schon ein wenig alt waren, so sicherte ein Gymnasiastenhunger doch gnädige Aufnahme. Und während er kauend in dem grünlichen Blätterdämmern saß, spielte er zuweilen nachlässig mit den feinen, blonden Haaren. Und der kleine rote Mund neben ihm mit der spitzen, altklugen Ausdrucksweise war immer in Bewegung, aber der kauende Vetter war ein guter Zuhörer.
Die lustige Stina, die immer so nett zu ihnen gewesen war, hatte also auch wieder fortgemußt. Es war doch schrecklich, das war nun schon das dritte Mädchen, seit er fort war, oder war es die vierte. — Stina, Jule, Marie, richtig, Emma war da ja noch. — Und bei dieser war Mutter richtig toll geworden und hatte sie fast geschüttelt, und Vater war dann erst recht böse auf Mutter geworden, — ‚Mama‘ sagte Miete meistens. — Und Stina hatte eine Faust gemacht und gesagt, sie sei man froh, bei so einer geizigen Frau wolle sie gar nicht bleiben. Aber Vater sei ganz traurig geblieben. Dann warf Miete hastig einen heimlichen Seitenblick auf den Vetter. Aber der machte ein ganz unbewegliches, fast böses Gesicht.
„Das ist alles gar nichts für dich,“ sagte er dann in belehrendem Tone von Swend Michelsen.
Aber Miete lachte hell, daß es vibrierend durch den Garten klang. „Du Dummer — ich weiß mehr als du — bist ja auch nur ein halbes Jahr älter.“ Dann sah er unbeholfen aus und wußte nicht recht was zu sagen.
An einem sonnigen Sommersonntag war es, daß Lars am Morgen mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett sprang, weil die Sonne so strahlend in sein Giebelfenster herein schien. Er sah hinaus über Onkels Garten in den blauen Sommermorgen hinein.
Ringsum hoch, hoch oben zwischen den weißen Cirruswolken und unten tief unter dem satten, saftstrotzenden Grün war es heut Sonntag. — Der Sonntag lag blaudämmernd über dem seidenausgespannten kleinen See und lockte geheimnisvoll in das Wunderdämmern, wo der Wald sich tief ins Wasser neigte. Und in stillem Sonnenglanze lag er über dem kleinen Garten und seinen geraden, gelben Wegen. Die alte, grünbewachsene Urne ragte in feierlicher Ruhe, und der Buchsbaum roch nach Sonne. Am strahlendsten aber breiteten sich die taufrischen gelben Rosen an der Laube. Da kleidete sich Lars hastig an. Und als er gefrühstückt hatte, lief er nach der See hinunter, um seine Schulfreunde vom Frühschiff abzuholen. — Als sie wiederkamen, hörten sie Herrn Asmussen in der Laube sprechen.
Er saß dort fast verborgen hinter dem großen dänischen Zeitungsblatt. Blaue Rauchwolken quollen gemächlich darüber, und er trommelte langsam und in kleinen Pausen auf der Tischplatte. Am Tisch stand das neue Mädchen und räumte den Kaffee fort. Frau Asmussen vertrat heute die Familie in der Kirche.
Herr Asmussen schmunzelte von Zeit zu Zeit gütig zu dem neuen Mädchen auf. Und er fragte dies und das, und sie gab Antwort, verlegen und ein wenig kichernd. Auf dem weißen Tischtuch lag das grünliche Gedämmer, und goldene Sonnenflecken glitten dazwischen.