Mit einem großen Seufzer stand er auf und ging nach Hause. Durchs Fenster sah er Mutter am Tisch sitzen; vor ihr lag die Bibel und das Sonntagsblatt. Die Sonne lief über ihr Gesicht und glänzte auf den weißen Strähnen in ihren Haaren. Wie viele Runzeln jetzt in dem Gesichte waren, kam es ihm so in den Sinn! Er ging nun sehr langsam und vorsichtig auf die Tür zu, denn er wußte, daß Mutter ihren Sonntag feierte, weil sie die Männer weit weg glaubte. Und unklar empfand er die herbe Würde in dem stillen Gesicht. Wie sie so dasaß und las, lag es über der alternden Frau fast wie eine vornehme Unberührtheit. Linkisch und fast verlegen bückte sich Lars zur Haustür herein. Sie schob die Bibel zur Seite, und ihm war, als habe er die Mutter nicht recht bekleidet überrascht.
Er holte sein Handwerkszeug und ging wieder hinaus. Aber es wollte nicht mehr recht gehen mit dem Messen und Probieren. Mutters Sonntagsruhe war mit herausgekommen und schwamm ringsum in der milden Sommerluft.
Großvaters Boot war hoch auf den Strand gezogen, fast unter die letzten Buchenbäume der Hölzung. Reglos starrten die Blätter in die graue Luft, nur manchmal war es, als rinne ein Zittern durch den Baum bis in das äußerste feinste Geäst. Ein Silberflimmerschein lag über dem Wasser, und von Zeit zu Zeit lachte drüben das andere Ufer in Sonnenleuchtefarben aus dem Grau.
Er fühlte nun auf einmal die feierliche Ruhe ringsum. Da paßte er nicht hinein mit dem zornigen Mißmut, der immer wieder in ihm aufquoll wie eine trübe Welle. Warum ihn dies Gefühl überkam, konnte er nicht sagen. — Zur Kirche gingen sie hier nicht oft, der Weg dorthin war viel zu weit. Aber bei manchen von ihnen war ganz tief unten in ihren wetterharten Seelen eine keuschumfriedete Stelle; dort wohnte die Sonntagsstille. Da war Lars jetzt hineingetreten. Er schämte sich des Hasses und Mißmuts, die nicht klingen wollten mit der stillen Sonnenwelt. Er saß auf dem Bootrand, den Kopf ein wenig vorgebeugt, die Lider tief über den Augen, mit dem feierlich, fast finstern Ausdruck über dem Gesicht, wie er sonst in der Kirche darüber liegen mochte. Denn in der sonntäglichen Stille war es über ihn gekommen, daß er dicht um sich her eine große heilige Nähe fühlte, in der sein Denken und Fühlen ein Echo fand. „Du dummer Lars,“ klang es ihm, und er beugte den Kopf noch tiefer, — „mit deinem Sorgen und Grämen und Zürnen! Es ist ja alles für dich besorgt und das Wegziel gesteckt. Geh’ nur tapfer geradeaus, du dummer Lars!“ —
[2] Mein Freund.
Kapitel X
Sie hatten die saure Winterarbeit gut überstanden trotz ihres billigen schlechten Bootes. Und auch den Zorn hatten sie verschmerzt, daß die andern Fischer ihrem Boot vorbeiliefen und mit breitem Lächeln über ihre Schultern nach den zwei Nachzüglern blickten. Und bei der harten Arbeit hatte Lars selten über seine Einsamkeit und seine große Sehnsucht nachdenken können.
Dann war es im Frühling gewesen, daß es in Lars endlich zur Reife gekommen war, was nun schon bald ein Jahr wühlte und wuchs. Er hatte tief aufgeseufzt, und dann begann er davon zu reden. Er legte alles langsam und bedächtig auseinander, und in Peter Lassens Augen zündeten sich Flammen an, und er schlug begeistert mit der Faust auf den Tisch. Hans Peter Lassen spuckte verächtlich aus und wollte von dem ganzen Unsinn nichts hören. Nun sah er endlich, wo die Bildung den Jungen verrückt gemacht hatte. Aber Klaas Klaaßen nickte langsam mit dem großen, grauen Kopf. Und am nächsten Morgen besorgten sie sich die Bohlen und Bretter.
Von der See aus sah man das Feuer und die beiden langen Gestalten, die sich davor bewegten. Und sie achteten nicht der Brandwunden und der schmerzenden Hände, wenn sie die Arbeit der Maschine tun mußten und das starke Holz über der Flamme bogen. Und von Zeit zu Zeit kam Großvater mit breiten, langen Schritten und stand mit den Händen in den Hosentaschen ganz still, wie aus Holz geschnitten, kniff manchmal ein Auge zu und sah wohlgefällig auf das Hämmern und Sägen, wie die Hobel weiß umhersprühten, und die jungen Gesichter glühten. Und Hans Peter Lassen kam wie zufällig vorbei und warf ein verächtliches Wort über die Schulter und sah doch hin und kam am nächsten Tage wieder und blieb allmählich bei Großvater stehn, die Pfeife im Mund. Und die andern Fischer kamen und gaben in kurzen Worten Rat und Meinung. Aber die beiden Jungen ärgerten sich der Alten und hörten nicht hin.