Die Geschwister hatte sie unterbringen müssen. Zwei waren ja Gott sei Dank so weit, daß sie auf Arbeit gehen konnten. Der Älteste war zum Bauern, den Zweiten hatte sie in die Lehre gegeben, weil er nicht so kräftig war. Bis jetzt hatte sie noch bei der Frau vom Ziegeleiherrn gearbeitet und die kleinen Geschwister dabei besorgt. Nun war das zu Ende. Die Kinder waren in der Gemeinde verteilt, und Dora suchte einen Dienst. Wenn es noch weiter so schwer hielt, einen guten Dienst zu finden, wollte sie dort, wo der Bruder als Knecht diente, Meiereimädchen werden.

Sie hatte die ganze Zeit zur Seite gesehen und traurig vor sich hin erzählt, ganz anders, als die starke Helle sonst gewesen war. Das letzte hatte sie gleichgültig, fast finster gesagt. Aber Peter hatte ein ernstes Gesicht gemacht, denn das war ein böses Brot für so ein schmuckes, kräftiges Mädchen. Eine Zeitlang war er ganz still neben ihr durch den Flecken gegangen. Dann war er stehen geblieben und hatte sie gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. — Er hatte es im Grunde nur gesagt, weil sie ihm so leid tat, nun sie aber seine richtige Braut war, wollte er sie auch allen Leuten zeigen und war unbändig stolz, daß er sich so eine kräftige, tüchtige Frau ausgesucht hatte. Und um sich mit seiner Braut sehen zu lassen, ging er jetzt neben Lars nach Moosgaard hinauf.

Mit aller Gewalt konnte Lars seine Züge nicht in Peters großartige Gleichgültigkeit zwingen.

Er war Peters Zureden nur gefolgt, weil die Tochter von Bauer Hoek zum Tanze kommen würde. Die hatte er ein paarmal bei Onkel Asmussen gesehen, denn der Vater gehörte zur Dänenpartei. Sie war viel älter als er, aber ein stattlich-schönes Mädchen. Das dunkle wellige Haar trug sie in der Mitte gescheitelt, und mit den hellblauen Augen sah sie unter dunklen Wimpern herausfordernd in die Welt. Sie war immer gut gewesen zu dem langen Jungen mit der ernsten Stirn, und wenn sie ein Wort an ihn richtete, durchrann es ihn heiß, daß er fortsah und kaum zu antworten wagte.

Nun lehnte er immer an der grauen Wand im Gasthaussaal und dachte, wie er es anfangen konnte, daß sie mit ihm tanze. Seine sonderbaren wechselfarbigen Augen, die so tief unter der braunen Stirn saßen, folgten ihr überall durch den Saal. Deswegen sah er auch die hübschen Blauaugen nicht, die fast bittend auf ihm ruhten. Das war Trina Lassen, Peters kleine Schwester, die so brennend gern einmal getanzt hätte. Sie war ein unscheinbares kleines Mädchen, kaum sechzehnjährig und in diesem Herbste bei Frau Henriette Asmussen in Dienst getreten.

Je länger Lars dastand, um so unbehaglicher wurde ihm zu Mute, und er ärgerte sich, daß Peter ihn zum Mitgehen beredet hatte. Er sah nach Peter hin. Der saß am Tisch in der Ecke, ein großes Glas vor sich. Die blonde Dora saß neben ihm. Peter hatte nie tanzen gelernt, und nun fand er das Hüpfen und Drehen zum Lachen und ganz unter seiner Würde. Wenn sein Vater vom Grog erwärmt ein wenig lustig wurde und von der Zeit, da er der beste Tänzer gewesen war, zu erzählen begann, trommelte Peter auf der Fensterscheibe und sprach vom Verdienst der letzten Woche.

So saß er hinter dem Tisch in der Ecke und sah sich triumphierend um. Da er nicht tanzte, sollte seine Braut auch ruhig und ordentlich bei ihm sitzen bleiben. Aber Dora warf nur den Kopf zurück und lachte hell und lustig.

So ein bißchen Spaß machte es Lars doch, daß Peters Braut den langen, großartigen Menschen auslachte. Und Dora tat ihm leid, wenn ihre Freunde von früher an den Tisch traten und mit ihr tanzen wollten. Er sah, wie ihr Peter dann einen Puff gab. Sie wollte nicht tanzen, mußte sie dann immer wieder sagen, aber sie lachte zuletzt gar nicht mehr, sondern sie kriegte ganz böse Augen dabei. — Dann achtete Lars aber nicht mehr auf sie, denn die schmucke Hoektochter war zwischen den Tanzenden herausgetreten. Sie setzte sich auf die Bank an der Wand und nestelte an ihrem Schuh. Da wurde er rot bis an die blonden Haare hinauf und ging sehr steif und ein wenig linkisch quer durch den Saal. Es war ihm, als ginge ihm im Kopf alles durcheinander. Er wußte gar nicht, wie er es gemacht hatte, sie zum Tanz zu fordern. Sie lachte ja wohl, als sie mit ihm kam, aber er dachte jetzt nur daran, in Tritt zu kommen. Sie gab ihm einen kleinen Stoß, und er tauchte zwischen die Tanzenden mit demselben Gefühl, das er beim ersten Kopfsprung gehabt hatte. Er gab sich viel Mühe, daß ihm der Schweiß übers Gesicht lief, und sie schob und steuerte an ihm. Und dann war es endlich überstanden, und die Paare gingen langsam hintereinander im Saale herum. Tramp, tramp, klang es, und es war eine Feierlichkeit dabei. Lars sah noch ernster aus, als die meisten wetterharten Gesichter um ihn her. Und doch gingen glückliche Gedanken in ihm um. Fast zitternd vor Glück war er sich bewußt, daß er die stattlich-schöne Hoektochter am Arme hatte. Er dachte daran, wie er sie das letztemal gesehen hatte. Da stand sie im weißen Erntezeug hoch oben auf der sonnengleißenden Weizenkoppel, den tiefblauen Himmel hinter sich. Unter der weißen Sonnenhaube hatte ein heißes, rotbraunes Gesicht herausgelacht, und die Augen hatten gesprüht von sieghaften blauen Blitzen. Er hatte sich gar nicht herangewagt. Und nun hatte er sie doch dicht neben sich ganz fest am Arme. Verstohlen sah er nach ihrem Gesicht. Da saß wahrhaftig noch das warme Licht, und das herausfordernde Sprühen war in den Augen. Da sah er auf die andern, und es war ihm, als hätten sie alle von der heißen Arbeit auf den goldenen Koppeln so eine warme Siegesfreude mitgebracht, und ihr feierlicher Ernst kam ihm wie eine stolze Würde vor. Nur er selbst hatte nichts Rechtes geleistet, meinte er, daß er wert war, dies stolze Mädchen am Arm zu haben.

Diese Gedanken schwammen unbestimmt durch seinen Sinn, aber sie füllten ihn so aus, daß er auf nichts anderes acht hatte. Da fühlte er auf einmal eine große schwere Hand auf seiner Schulter, die ihn zurückzog. Ein stämmiger Bauernsohn nahm den Arm seiner Tänzerin und zog ihn durch den seinigen. Lars sah noch, wie die beiden großen Menschen sich in die Augen lachten. Ein Gefühl unendlicher Erniedrigung übergoß Lars glühend heiß von oben bis unten.

Dann wuchs ganz langsam die Wut und gleichzeitig sagte sein Stolz: Nicht merken lassen. Er drehte sich auf dem Hacken um und sah im Saale herum. Da begegnete sein Blick den bittenden Augen von Klein-Trina. Er ging fest und steif zu ihr hinüber und zog sie ohne ein Wort in den Saal. Die hielt den Kopf tief zwischen den Schultern und wußte auf einmal nicht, ob sie sich freute, oder ob sie sich schämte.