Unten stand Trina auf einem Stuhl und zündete die Flurlampe an.

Er sah sie gar nicht. Sein innerstes Wesen zitterte noch in heißer Wonne. Er klinkte schon die Haustür auf.

„Lars,“ klang es da leise und bittend hinter ihm. Er wandte sich und sah mit leerem, verständnislosem Blick in die ernsten, bittenden Augen.

„Ach, Lars, ich weiß ja gar nicht mehr — es ist doch so schrecklich. Kannst du denn nicht helfen — ich — ich“ — da brach sie plötzlich ab. „Du hörst mich ja gar nicht, Lars.“

Das klang gar nicht wie Klein-Trinas Stimme, so verwundert und vorwurfsvoll. Aber es drang bis zu Lars’ Seele, und mit einem verzweifelten Ruck holte er sie aus blütenschwerdunstigen Fernen zurück. — Helfen? hatte sie gesagt, und er sah wieder die Augen mit der großen Not. — „So, so, Klein-Trina, hab’ keine Angst, nun höre ich ja, sag nur alles!“

Da sah sie herauf in die wechselfarbigen Augen, die so aussahen wie die See, und erkannte wieder den warmen, ernsten Blick und sah noch ein anderes, ihrer Not Verwandtes, etwas, das aussah wie Leid und Kampf. — Und es war zu viel für Klein-Trina gewesen. — Sie mußte jemand haben, der mit ihr trug. Und da sagte sie ihm alles: er hatte sich auf die Treppenstufen gesetzt, und sie stand vor ihm, und von Zeit zu Zeit nahm sie die Schürze vor das Gesicht. „Sag’ nur immer los,“ sagte er dann ermunternd oder fast ungeduldig. „Weiter, weiter.“ So erfuhr er es von Trina Lassens schwerem Kampf in all den langen Jahren mit Onkel Gust und von dem Mißtrauen der Tante Jette, und wie schwer es gehalten hatte, rein und ordentlich zu bleiben. Aber andere, wie die arme Dora Nielsen, hatten es noch schwerer gehabt. Sie hatte keine Eltern und keine einzige Seele, die ihr half. Peter zum Trotz war sie damals Meiereimädchen geworden. Und dann war es eben so gekommen mit ihr wie mit den andern Mädchen dort, und nun warfen die Leute mit Steinen nach ihr. Aber das mochte ja wohl so sein, wenn man eine Schuld begangen hatte, daß man dafür büßen müßte. Aber dann den andern nicht helfen zu können, die man lieb hatte, das war hart. Doras kleine Geschwister, die hatten es sehr schlecht. Der kleine Bruder, das arme Kind, kriegte nicht satt zu essen, weil der Armenrat ihn zu den ärmsten Leuten im Flecken gegeben hatte mit seinem kärglichen Kostgeld. Aber das Schlimmste hatten sie mit der kleinen Schwester getan. Das hübsche Mädchen hatten sie zu Kajens gegeben, und Lars wußte ja wohl, was Kajens für Leute waren, und was das Kind da zu sehen kriegte. Aber wenn Dora bat und weinte, dann lachte Herr Asmussen und die andern Herrn vom Armenrat und neckten sie, daß sie fortlief in ihrer Not und Scham. Wenn es nicht um der Kinder willen gewesen wäre, hätte sie sich am Ende schon ein Leid angetan.

Wie Trina erzählte, da wurden Lars’ Augen dunkel im Zorn, und wie sie ihre Hand auf seinen Ärmel legte, „Lars, lieber Lars, hilf wenigstens den beiden Nielsenkindern, — und Dora, kannst du ihr nicht helfen?“ Da stand er auf, langsam, als habe sie ihm eine Last aufgelegt. „Ich verspreche dir, Trina, ich will tun, was ich kann.“ —

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Bei Klaas Klaaßen in der Nebenstube stand neben dem Spinnrad ein Webstuhl. Der hatte der alten Stine-Marie gehört. Aber Mutter Stina hatte auch weben gelernt. Wenn die Männer auf See waren, klang der rasselnde, klappernde Ton durchs Haus. Aber in dieser Zeit stockte er manchmal eine ganze Weile, eh er dann mit doppelter Macht einsetzte. Dann stand Mutter Stina, stützte die Hände auf den Webstuhl und sah lange still vor sich hin. Und es war eine Trauer in dem stillen Gesicht.