Sie sah es nun schon viele Tage, und sie durfte doch nicht danach fragen. Aber wenn Lars sich quälte, dann quälte sich Mutter Stina mit.

Er blieb fast keinen Augenblick im Hause, und er sprach auch kein Wort mit ihnen. Aber zu Onkel Gust ging er auch nicht oder zu Jakob Lind. Wenn er nicht arbeitete, stand er auf dem Rick und sah ins Wasser, und wenn er in die Stube kam, dann saß es in seinen Augen wie damals im Anfang, als er die Schmerzen im Rücken und in den Händen verschwieg, — nur noch viel dunkler im Schmerz saß der Blick, und eine Unruhe war dabei.

So stand die Sorge eine lange Zeit in Mutter Stinas Augen geschrieben.

Da war einen Tag Jakob Lind in das Fischerhaus gekommen und hatte sich gleich auf den alten Platz wie in früherer Zeit gesetzt und hatte sich durchaus nicht zum guten Stuhl überreden lassen. Und Jakob Lind hatte gefühlt, daß da irgend etwas nicht in der rechten Ordnung war wie in alter Zeit. Aber Jakob wollte gern alles hell haben um sich herum. Und er hatte gesehen, daß die dunkelste Wolke auf Lars’ Stirn saß, der da an der Wand lehnte, ganz ohne zu reden, mit dem großen Blick zum Fenster hinaus über die Weite.

Da nahm er ihn für den Abend einfach mit nach Aalby. Und nachdem ging Lars da öfter hin, wenn er Zeit hatte. Und es war sonderbar, er hatte Jakob Lind kein Wort von dem wirren Durcheinander erzählt, das sich nicht ordnen lassen wollte in seiner Seele. Aber zwischen den klaren, fröhlichen Augen im Schulhause wurde auch das trübe Gewoge stiller, daß er den Weg, den er gehen mußte, klar und unerbittlich vor sich sah.

In dieser Zeit sprach er auch wohl mit Jakob von seinem Zorn über den Zwang, der von allen Seiten am kleinen Manne schob und drängte, daß er in seiner Unruhe nicht mehr wußte wohin.

„Ja,“ sagte Jakob, „wenn sie auch satt und gut zu essen haben, sie kommen nicht zur Ruhe, und hier bei uns fängt ein Teil des Kampfes erst an. Aber es ist auch wieder schön, Lars, so ein Drängen und Werden. Und in unserer Zeit redet gerade das Werdende das größte Wort. Du solltest es nur hören, Lars, auf den Universitäten und überall, wo die Leute wach und lebendig sind. — Das ist ein Bewegen nach vorwärts. In der Kunst brechen sie neue Bahnen und in der Wissenschaft, und es weht frische Luft überall. Es wird auch das „Zeitalter des Kindes“ genannt, weil so viel Denken und Sorgen für das kommende Geschlecht wohl früher niemals gewesen ist. Und weißt du, Lars, der Arbeiter, der ist auch noch ein Kind; ihm gehört die Zukunft, darum ist es eben sein Zeitalter jetzt.“

„Ja, das ist wohl eine schöne Zeit, Jakob,“ sagte Lars und sah vor sich hin. „Aber gerade darum möchte man doch auch selber mit Hand anlegen.“

Aber Jakobs freie Zeit war nicht immer dieselbe wie bei Lars. Und wenn er fort mußte, dann saß Lars manchmal noch eine kleine Weile gemütlich bei der lustigen, runden Frau Lind, oder die junge Stütze setzte sich einen Augenblick mit ihrer Arbeit zu ihm. Sie sprachen beide nicht viel, aber sie verstanden sich gut. Und wenn Karen ihn mit ihren weiten, klaren Augen ansah, war es, als klänge ihm endlich nach langer Unrast sein eigenster Ton klar und fast feierlich in der Seele auf. Er verstand das aber selber nicht. Er wußte nur, daß ihm wieder klar und ruhig zumute wurde.

Wenn er den Fußweg durch die Felder nach Hause schritt, dann stand Karen oft an ihrem Kammerfenster und sah ihm nach. Und nach einer Weile seufzte sie auf, zog dann aber fast ärgerlich die Stirne kraus und ging an ihre Arbeit. Aber von dem allen wußte er nichts.