Abb. 6. Skelett des Plesiosaurus.
Die Nachkommen der Nothosaurier setzten die angefangene Entwicklung fort und paßten sich immer besser ans Meerleben an. Dies führte zum Typus der eigentlichen Schlangendrachen oder Plesiosaurier. Das sind höchst merkwürdige Tiergestalten. In England, wo die schönsten Exemplare gefunden wurden, verglich man sie mit einer durch den Körper einer Schildkröte gezogenen Riesenschlange, daher der Name. Der auffallendste Körperteil ist der lange Schwanenhals, der bis 41 Wirbel zählt. Beiläufig mag erwähnt werden, daß der Hals des Schwanes 23, der Giraffenhals bloß 7 Wirbel besitzt. Die Riesen unter den Schlangendrachen hatten einen 4 bis 5 Meter langen Hals bei einer Gesamtlänge von zirka 9 Meter. Auf demselben saß ein kegelförmiger, verhältnismäßig kleiner Eidechsenkopf mit spitzen Krokodilszähnen. Das Rumpfskelett ist sehr kräftig gebaut und läßt auf eine gewaltige Muskulatur schließen. Irgendwelche Spuren von Bepanzerung sind nie gefunden worden; der Körper war somit nackt und wohl nur mit einer schlüpfrigen Lederhaut bedeckt, was für schnelles Schwimmen und Tauchen von großem Vorteil war. Der nicht sehr lange, aber doch kräftige Schwanz trug vermutlich eine Flosse, welche als Steuer diente. Die Beine waren zu gewaltigen Paddeln umgewandelt, also ausschließlich zum Rudern, nicht zum Gehen an Land eingerichtet. Die langen Finger steckten in einer dicken Haut wie in einem Fausthandschuh, glichen somit den Paddeln der Seeschildkröten; aber sie erreichten eine viel bedeutendere Größe.
Abb. 7. Plesiosaurus, rekonstruiert.
Die Schlangendrachen waren sicherlich höchst gefährliche Räuber, der Schrecken des Meeres. Aus bescheidenen Anfängen in der Trias entwickeln sie sich zu immer riesigeren Formen und sterben in der Kreidezeit aus, so daß die heutige Tierwelt nichts Ähnliches aufweisen kann. Der Plesiosaurus war sozusagen das Urbild eines schwimmenden Wirbeltiers von höherer Organisation; was sich an ihm bewährt hat, finden wir auch heute noch, aber auf viele getrennte Ordnungen verteilt. Die Schädelmerkmale müssen wir bei den Krokodilen und Eidechsen, die Wirbel bei den Fischen, den Brustkorb bei den Schildkröten suchen; den langen Hals hat der Schwan geerbt, die Ruderfinnen und den Steuerschwanz der Delphin; doch ist bei diesem der Schwanz zu einem wichtigeren Schwimmorgan geworden. Man kann es bedauern, daß so interessante Sippen wie die Schlangendrachen verschwunden sind, aber das ist der Welt Lauf; alles ist vergänglich und muß Neuem Platz machen; wie wäre sonst überhaupt Neues und Besseres und Schöneres möglich?
Fischdrachen.
Ein Zeitgenosse und Konkurrent des Plesiosaurus ist der Ichthyosaurus (von ichthys: Fisch und saurus: Echse), zum Scherz wohl auch das „schwäbische Haustier“ genannt, denn der schwäbische „schwarze“ Jura birgt dessen versteinerte Reste in fabelhafter Zahl, als wären sie dort förmlich gezüchtet worden. Offenbar lebten jene Seeräuber scharenweise in sogenannten Schulen beisammen gleich den Walfischen, Walrossen und Seehunden. Außer in Schwaben, das sieben Arten geliefert hat, findet man sie in Bayern, Frankreich, England, Spitzbergen, Nord- und Südamerika, Ostindien, Australien und Neuseeland. Die untere Juraformation Englands (Lias) weist nicht weniger als 26 Arten auf. Die Fischdrachen haben sich ans Wasserleben noch vollkommener angepaßt als die Schlangendrachen und gleich den Walen, die eine ähnliche Entwicklung durchgemacht haben, die Fischform angenommen. Die ältesten Arten (Mixosaurus, Phalarodon usw.) sind von geringer Größe und lassen erkennen, daß sie von landbewohnenden Panzermolchen abstammen. Jahrmillionen hindurch waren die Fischdrachen neben den verwandten Schlangendrachen die Beherrscher des Meeres, denn es waren gar großschnauzige und gewalttätige Herren, erreichte doch die größte Art, Ichthyosaurus ingens, das heißt der Riesen-Fischdrache, 12 Meter Länge, wovon fast ein Drittel auf den Kopf entfällt. In den ungeheuren Kiefern steckten über 200 scharfe, spitze Zähne, und zwar nicht in besonderen Höhlen, sondern in einer gemeinsamen Rinne des Kieferknochens; sie wurden nur durch das Zahnfleisch aufrecht gehalten und fielen nach dem Tode leicht aus. Eine solche Befestigung der Zähne findet sich heute noch bei zwei Walfischarten.
Abb. 8. Ichthyosaurus (Fischdrache).