Abb. 4. Gangeskrokodil.
Die auffallende Erscheinung, daß ein altes Lebewesen die Merkmale von mehreren heute scharf getrennten Familien, Ordnungen oder gar Klassen vereinigt, als wäre es aus Bruchstücken von solchen zusammengeflickt worden, ist ganz allgemein und erklärt sich aus der Tatsache, daß jeweils aus einer gewissen Stammform eine Menge Nebenstämme, Äste und Zweige hervorgegangen sind. Nach dem alten Schöpfungsglauben war hierfür keine vernünftige Erklärung möglich, und die älteren Forscher standen der Erscheinung verständnislos gegenüber.
Außer Württemberg haben auch Franken, Braunschweig und Nordamerika Belodonten geliefert. Eine verwandte, viel kleinere, aber sehr zierliche Gattung, nur etwa 1 Meter lang, ist der Aëtosaurus. Bei Stuttgart wurden auf einer Steinplatte nicht weniger als zwei Dutzend vollständige Individuen gefunden; das Prachtstück ist im Stuttgarter Naturalienkabinett zu sehen. Im gemütlichen Schwabenland hat es einst von Krokodilen und Drachen nur so gewimmelt, und wir werden noch des öfteren darauf zu sprechen kommen.
An dieser Stelle mag noch ein Tatzelwurm, der Teleosaurus, das heißt der „vollkommene Drache“ erwähnt werden. (Siehe Juralandschaft, das große Reptil im Vordergrund.) Er stand ungefähr in der Mitte zwischen den Neckarsauriern und den heutigen Krokodilen, speziell dem Gangesgavial, daher auch der seltsame Name, welcher besagt, daß er mit der modernen Tierwelt vollkommen (teleos) übereinstimmt. Das Tier wurde 5 bis 6 Meter lang, trug einen starken Rücken-, Brust- und Bauchpanzer und hatte vier kräftige Pratzen, deren Zehen durch Schwimmhäute verbunden waren. Die Vorderglieder waren nur halb so lang als die hinteren und dienten wohl hauptsächlich, um sich damit am Ufer emporzuschieben. Der Schädel endet in eine lange schmale Schnauze mit vielen spitzigen, ungleich hoch und schief stehenden Zähnen. (Siehe Tafel Juralandschaft.) Die Nahrung bestand wohl aus Fischen, Tintenfischen, kleineren Lurchen und Reptilien, gelegentlich auch aus Tangen. Die „Tatzelwürmer“ hielten sich vermutlich in seichten Buchten auf und waren gute Schwimmer; auf dem Lande waren ihre Bewegungen watschelnd und ungeschickt. Trotz ihrer „Vollkommenheit“, welche sie fast zu modernen Geschöpfen macht, hatten sie doch auch reaktionäre Rückfälle; ihre Wirbel waren nämlich denen der Uramphibien und Fische ähnlich, steckten also gewissermaßen noch im Altertum drin, eine Folge von erblicher Belastung. Wunderschöne versteinerte Exemplare findet man in der Juraformation bei Holzmaden und Boll (Württemberg) und bei Banz in Franken, auch in England und Frankreich.
[2] Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.
Schlangen- oder Langhalsdrachen.
Abb. 5. Nothosaurus.
Auf unserer Abbildung 5 gewahren wir ein seltsames Reptil mit langem, schlankem Hals und weit aufgesperrtem Rachen — es ist ein Nothosaurus (Bastardechse), ein Mittelding oder Bastard von Schlangendrache und Urkrokodil, offenbar ein gefährlicher Seeräuber, der sich aber auch am Strande leidlich gut bewegen konnte. Der Schlangenhals, der mindestens 20 Wirbel zählt, befähigte ihn, die Beute aus beträchtlicher Tiefe heraufzuholen. Der flache, eckige Kopf birgt ein sehr kleines Gehirn, weist also von vornherein auf wenig Intelligenz, aber die Sinnesorgane sind gut ausgebildet. Eines Panzers bedurfte das Tier nicht; es vermochte sich mit Hilfe des scharfen Gebisses und der großen Beweglichkeit des Halses gegen Feinde genügend zu schützen. Daß es von ausgesprochenen Landtieren abstammt und sich nur allmählich wieder ans Element seiner Urahnen — der devonischen Urmolche — angepaßt, also in gewissem Sinne den umgekehrten Entwicklungsgang der letzteren eingeschlagen hat, ist so gut wie erwiesen. Man kennt nämlich auch kleinere Formen mit gewöhnlichen Schreitbeinen und solche, die erst an den Vorderfüßen Schwimmhäute haben.