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GRÖSSERES BILD]

Dem wackeren Scheuchzer war es mit seiner Sintfluttheorie hauptsächlich darum zu tun, den Zeitgenossen glaubhaft zu machen, daß die Versteinerungen Überreste von wirklichen Tieren und Pflanzen und nicht bloß sogenannte „Naturspiele“ oder durch allerlei geheimnisvolle Zauberkräfte hervorgerufene „Zeichen“ seien. Auch war damals von der voradamitischen Zeit und den geologischen Perioden und Formationen noch nichts bekannt. Das hier abgebildete Skelett befindet sich in der Züricher paläontologischen Sammlung und ist vom berühmten Cuvier (sprich Küwieh, gestorben 1832 zu Paris) als Riesensalamander (Salamandra gigantea) bezeichnet worden. Das Tier weicht aber von den eigentlichen Salamandern in wesentlichen Punkten ab und wurde von Tschudi umgetauft in Andrias Scheuchzeri, was soviel bedeutet als Scheuchzers Menschenbild. In den Braunkohlen bei Bonn und in Böhmen sind zwei kleinere Arten vorweltlicher Riesenmolche gefunden worden. Der nächste lebende Verwandte des Andrias ist der japanische Riesensalamander (Andrias japonicus), der 90 Zentimeter lang wird und dem Öhninger Riesen an Größe nur wenig nachsteht. Es ist ein häßliches Geschöpf mit breitem, plattem Kopf, warziger schwärzlicher Haut und plumpen Füßen, lebt mit Vorliebe in Gebirgsbächen und den mit Wasser gefüllten Kratern erloschener Vulkane und nährt sich von allerlei Wassertieren, frißt in der Not auch seinesgleichen auf. Zahlreiche Tiergärten sind im Besitz lebender Exemplare.

Kriechtiere.
(Reptilien oder Saurier.)

Das Altertum der Erde (paläozoisches Weltalter, Algonkium bis Perm) hat es in langsamer Entwicklung durch ungezählte Jahrmillionen hindurch bis zum Amphibium — zum Panzerlurch — gebracht, und das war ein großer Schritt; aber das Mittelalter (Trias-, Jura- und Kreidezeit) schuf drei neue Tierklassen: Reptilien, Vögel und Säugetiere, und gesellte ihnen die moderne Pflanzenwelt mit echten Nadelhölzern und dem Heer der höheren Blütenpflanzen. Zu erstaunlicher Entwicklung sowohl in bezug auf Zahl und Mannigfaltigkeit als auch hinsichtlich der Körpergröße brachten es die Saurier, und gar manche derselben erinnern an die phantastischen Ungeheuer der Sage, weshalb sie häufig geradezu als „Drachen“ bezeichnet werden. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß sie lange vor dem Auftreten des Menschen, des homo sapiens, samt und sonders schon ausgestorben waren. Hätten jene Drachen sprechen können, so würden sie, wie Quinet das ausdrückt, gesagt haben: „Wir sind die Könige der Welt. Kein anderes Wesen erhebt sich bis zu uns. Das Reptil ist die höchste, göttergleiche Gestalt; in ihm vollendet und krönt die Natur ihr Werk.“

Die heutigen Reptilien mit ihren vier Ordnungen der Eidechsen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten bilden ein armseliges Häuflein gegenüber ihren ausgestorbenen Vorfahren, welche mehr als ein Dutzend Ordnungen mit annähernd siebzig Familien aufweisen, wobei in Betracht zu ziehen ist, daß wir von der untergegangenen Tierwelt naturgemäß nur einen verschwindend kleinen Teil kennen. Von dem großen Buch der Erdgeschichte sind nur wenige Kapitel und von diesen oft nur wenige Seiten oder gar nur einzelne schlecht erhaltene rätselhafte Schriftzeichen auf uns gekommen. Im folgenden mögen einige der berühmtesten Typen in Wort und soweit möglich auch im Bild dem Leser vor Augen geführt werden.

Alte Krokodilier.

Abb. 3. Belodon oder Neckarsaurier.

Gegen das Ende des Altertums (jüngste Steinkohlenperiode und Perm) erscheinen Reptilien von eidechsenartiger Gestalt, aber sie haben noch viele Merkmale mit Panzerlurchen gemein, besonders im Bau der Wirbelsäule, der Glieder und der Zähne. Sie haben sich also aus Uramphibien entwickelt, und zwar in der Weise, daß sie die Kiemenatmung vollständig unterdrückten und ausschließlich mit Lungen atmeten, womit eine Vervollkommnung des Blutkreislaufs, gänzliche Verknöcherung des Skeletts und vollkommenere Entwicklung der Jungen im Ei, teilweise sogar im Mutterleib nebenher ging. Zu achtunggebietender Entfaltung bringen sie es in der Triaszeit. Eine der berühmtesten Formen ist der Pfeilzahn oder Belodon (belos: Pfeil und odon: Zahn), von Professor Fraas Nikrosaurus, das heißt Neckarsaurier oder Neckardrache getauft. Seine prachtvollen Überreste sind aus dem schwäbischen Keuper,[2] und zwar aus dem sogenannten Stubensandstein von Stuttgart zutage gefördert worden und nun im Stuttgarter Naturalienkabinett aufgehoben. Der Neckarsaurier war, wie unsere Abbildung veranschaulicht, ein sehr stattliches krokodilartiges Reptil mit langgestreckter, wohlbezahnter Schnauze und kräftigem Panzer. Es muß eine Länge von mehr als 6 Meter erreicht haben; der Kopf allein ist zirka 1 Meter lang. Die Nasenlöcher sind nicht vorn an der Schnauze, sondern weit oben in der Nähe der Augen, also wohl Spritzlöcher, wie die heutigen Walfische sie haben. Das Tier war hierdurch instand gesetzt, das beim Ergreifen der Beute eingedrungene Wasser durch die Nasenlöcher zu entfernen, ohne die Kiefer aus dem Wasser bringen und öffnen zu müssen. So sehr der Neckardrache aber auch an Krokodile erinnert, so weicht er doch von diesen in manchen Merkmalen sehr bedeutend ab. „Der erste Blick schon zeigt,“ sagt Fraas, „daß der Keuper hier einen Saurier bietet, der mit keinem der lebenden sich vergleichen läßt, so wenig er mit einem Saurier der Juraperiode stimmen will. Von oben gesehen hat der Schädel einige entfernte Ähnlichkeit mit den ostasiatischen Krokodilen, dem Gangesgavial und dem Krokodil von Java, aber die Nasenlöcher, die bei diesen am Vorderrand der Schnauze sind, fallen ins hintere Dritteil der Schädellänge. Auch von der Seite gesehen ist kein Krokodil mit solcher Pferdenase bekannt. Andererseits erinnert die Lage der Nase in der Augengegend an Eidechsen, dagegen sind Eidechsen mit langen Schnauzen und schmalen Kiefern wieder etwas Fremdartiges. Fast möchte man an Wale und Delphine denken. Die Zähne stecken wie bei krokodilartigen Tieren in besonderen Höhlen und ersetzen sich auf dieselbe Weise. Sie sind in Form und Größe mannigfaltiger als bei jedem anderen bekannten Reptil, dabei die Wurzel eher schwächer als die Krone. Der Zahl nach sind es 175 bis 180. Vorn stehen große kegelförmige Fangzähne, auf diese zunächst kleinere und nach hinten wieder größere und flachere Kauzähne. Die bikonkaven, das heißt auf beiden Seiten ausgehöhlten Wirbelkörper, der zweite Halswirbel, ein Hakenschlüsselbein, das Darmbein erinnern an die Warneidechsen (große 1,5 Meter lange Eidechsen, die hauptsächlich in Afrika vorkommen), dagegen die Halsrippen, Rückenrippen, Schwanzwirbelbogen und das Schulterblatt wieder an Krokodile. Der Fuß stimmt wieder am meisten mit dem Gangeskrokodil, dem Gavial und jurassischen Panzersauriern überein.“