Abb. 10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten Regentropfen.

Wie artenreich die Sippschaft der „Vogelfüßer“ gewesen, läßt sich einigermaßen ahnen aus der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der Fährten, das heißt der Abdrücke, welche die verschollenen Saurier auf dem feuchten Sand und Schlamm der Ufer zurückgelassen haben. An der englischen Küste bei Hastings sowie in verschiedenen Gegenden Deutschlands findet man Fußspuren von 20 bis 75 Zentimeter Größe, und in Nordamerika sind dergleichen Funde noch häufiger. Manche Fährten ergeben eine Schrittweite von 3 und 4 Meter, lassen also auf Tiere von fabelhafter Größe schließen, aber wie dieselben ausgesehen, weiß zur Stunde niemand zu sagen.

Zum Schlusse dieses Kapitels mögen noch zwei wissenschaftlich interessante Formen erwähnt werden: der Kompsognathus und der Hadrosaurus (Trachodon), ersterer aus dem schwäbischen und fränkischen Jura bekannt, ein sehr leicht gebautes, zierliches Tier von Katzengröße, mit vogelähnlichem Schädel, langen schlanken Hinterbeinen, dreizehigen Vogelfüßen und langem Schwanz; letzterer ein großer, 8 bis 9 Meter langer Schreckdrache von der Gestalt eines Iguanodon, jedoch mit seltsamem riesigem Entenschnabel und einem ebenso seltsamen pflasterartigen Gebiß, das aus zirka 2000 kleinen Zähnen besteht. Man fand ein solches Tier mit erhaltener Haut, die mit Schuppen bedeckt war. Der Hadrosaurus stammt aus der obersten Kreide Amerikas. Von beiden Gattungen sind europäische und amerikanische Vettern bekannt. (Siehe [Abbildung 19].)

Amerikanische Größen.

Europa war zur Jurazeit fast ganz vom Meere bedeckt; nur einzelne Inseln und uralte Gebirgsmassen erhoben sich über dasselbe. Hier war somit zur Entfaltung einer großartigen Landfauna (Tierwelt) nicht genug Raum vorhanden, und so kommt es, daß zwischen den Schreckdrachen der Triaszeit und denjenigen der Kreideperiode eine große Lücke besteht. Fast möchte man glauben, mit dem Ende der Keuperzeit sei eine ungeheure Katastrophe, etwa eine allgemeine Sintflut hereingebrochen, habe die ganze Tierwelt vernichtet, und nach vielen Hunderttausenden von Jahren habe die Natur wieder von vorn angefangen. Allein jene Überflutung fand nicht überall statt; in Nordamerika zum Beispiel blieb auch während der auf die Trias folgenden Jurazeit ein ausgedehntes Festland bestehen, und dort konnten sich die Landtiere der Keuperzeit weiter entwickeln. In der unteren Kreide erreichten sie die höchste Entfaltung. Von Nordamerika kamen denn auch vor Jahren wunderbare Mären von fremdartigen Sauriern, die an Größe und Seltsamkeit der Form alles bis dahin Bekannte in Schatten stellten. Skeptische Naturen nahmen jene Berichte mit einem gewissen Mißtrauen entgegen, aber die wissenschaftlichen Darstellungen namhafter Paläontologen und vor allem die in den Museen aufgestellten Funde selber machten es zur Gewißheit, daß man es nicht mit romantischen Übertreibungen einer sensationslüsternen Presse zu tun habe.

Der gewaltigste unter den amerikanischen Schreckdrachen scheint der Atlantosaurus gewesen zu sein, dessen Überreste im Staate Wyoming am Ostabhang des Felsengebirges gefunden wurden. Der Name ist der griechischen Göttersage entnommen. Der Riese Atlas, der Sohn eines Götterriesen (Titanen) und einer Meergöttin, hatte sich mit seiner ganzen Sippschaft gegen den Himmelvater Zeus empört, wurde aber besiegt und dazu verurteilt, an den Grenzen der Erde, wo Tag und Nacht zusammenkommen, nämlich an der jetzigen Meerenge von Gibraltar, den Himmel zu tragen. Atlas bedeutet auch in der Tat soviel wie „Träger“. Balkenträger an Gebäuden werden daher auch Atlanten genannt. Nach einer anderen Sage war er Besitzer der berühmten Hesperidengärten, einer Art Paradies in der Gegend des heutigen Marokko, und wurde vom griechischen Halbgott Perseus wegen seiner Ungastlichkeit mit Hilfe des Medusenhauptes zum Gebirge versteinert. Nach ihm wurde auch der Atlantische Ozean benannt.

Der Atlantosaurus immanis, das heißt der entsetzliche Riesendrache, war ein Koloß von 30 Meter Länge bei 9 Meter Höhe. Diese ungeheure Fleischmasse bewegte sich auf vier ungefähr gleich großen säulenförmigen Beinen, die je fünf Zehen mit hufartigen Klauen besaßen und nach Art der Eidechsenglieder gebaut waren. Die Oberschenkelknochen sind annähernd 2½ Meter lang und an ihrem oberen Ende ½ Meter dick. Es wird uns dies nicht wundernehmen, wenn wir bedenken, daß ja das Tier, das sie zu tragen hatten, „die Größe eines ziemlich ansehnlichen Hauses“ erreicht haben mußte. Ja, diese mächtigen Knochen hätten wohl kaum ausgereicht, die enorme Last zu tragen und fortzuschleppen, wenn nicht durch besondere Vorrichtungen das Gewicht des Körpers herabgemindert worden wäre. Die Wirbel, von denen die größten einen Meter Durchmesser besaßen, waren nämlich hohl und zu Lebzeiten des Tieres wahrscheinlich mit Luft erfüllt, nur die Wirbel des dicken und langen Schwanzes waren massiv.

Abb. 11. Brontosaurus.