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Nahe Verwandte des Atlantosaurus sind der Barosaurus (der „Schwere“) und der Brontosaurus. Ersterer ist in allen Skeletteilen bekannt; er erreicht eine Länge von 20 Meter, sein Nackenwirbel einen Durchmesser von reichlich einem Meter. Der Brontosaurus, ist ebenso groß und besaß einen ungeheuer langen Plesiosaurushals mit 13 Wirbeln. Wir geben nach einem vollständigen Skelett eine Rekonstruktion des Tieres, wie es lebend etwa ausgesehen haben mag. Auch beim Brontosaurus sind die Wirbel mit großen Luftkammern versehen, selbst die drei ersten Schwanzwirbel besitzen solche. Als weiteres Merkmal verdient hervorgehoben zu werden die im Verhältnis zum Körper winzige Größe des Kopfes und der Gehirnhöhle. „Das Gehirn,“ sagt Neumayr, „ist so außerordentlich klein, wie es im Verhältnis wohl bei keinem anderen höheren Tier bis jetzt bekannt ist.“

Diese amerikanischen Riesen mußten somit höchst stumpfsinnige Geschöpfe gewesen sein und tief unter den heutigen Beherrschern der Tierwelt gestanden haben. Wir dürfen uns dieselben auch nicht vorstellen als grimme, stets in Kampf und Krieg lebende Drachen, denn sie waren Pflanzenfresser und mochten also wohl den damaligen Gewächsen, nicht aber der Tierwelt verderblich gewesen sein. Der Brontosaurus oder Donnerdrache (vom griechischen bronte: Donner, brontogenes: vom Donner erzeugt) mochte ein Gewicht von zirka 380 Doppelzentner erreicht haben, während dasjenige des Indischen Elefanten bloß 30 bis 40 Doppelzentner beträgt. Ober- und Unterschenkel samt Fuß maßen 4 Meter, die Dornfortsätze der Kreuzwirbel ½ Meter. Die wandelnde Fleischlawine mag bis zum Rücken eine Höhe von 6 Meter, mit hoch gehobenem Kopf 9 Meter erreicht haben. (Die Angaben, wonach die größten Formen 12 Meter hoch gewesen sein sollen, scheinen nicht vertrauenswürdig zu sein.) Selbst die ausschweifendste Phantasie war nie imstande, sich ein solches Biest auszudenken, und staunend fragt man sich, wie ein solches „Reptil“ sich bewegen und ernähren konnte. Man denke sich einen Donnerdrachen durch die Straßen einer Stadt dahinschreiten! Er könnte bequem zu den Fenstern des dritten Stockes hineingucken, und die Kronen der Bäume in den städtischen Anlagen böten ihm eine angenehme Weide. Ein Ochse würde sich daneben fast wie ein Bauernhaus neben einem Münster ausnehmen. Und welch ein Anblick müßte es gewesen sein, zu sehen, wie der Koloß sich auf seinen stämmigen Hinterbeinen und dem ungeheuren Schwanz erhob! Vielleicht haben sich die Tiere vorwiegend im Wasser aufgehalten nach Art der Flußpferde, wobei die Pflanzenwelt der Ufer abgeweidet und nebenbei allerlei Getier mit verschlungen wurde. Da wie bei den Atlantosauriern die größeren Wirbel, die einen Meter Durchmesser besaßen, Luftkammern hatten, wurde das spezifische Gewicht beträchtlich herabgemindert. Der vierte Halswirbel ist größer als der Schädel, und der Hohlraum der Kreuzbeinwirbel übertrifft die Hirnhöhle um ein Mehrfaches, so daß es scheint, als hätten die Tiere den Hauptteil ihres Zentralnervensystems nicht in den Kopf, sondern in das Hinterteil verlegt. Mit den intellektuellen Anlagen muß es folglich sehr schlimm bestellt gewesen sein.

Die Gestaltungskraft der Natur hatte sich hier verrannt; durch eine bloße Steigerung der Masse schuf sie etwas Unnatürliches und verurteilte diese „Überriesen“ zu schnellem Untergang. Vielleicht ward dieser beschleunigt durch einen Klimawechsel oder durch das Überhandnehmen gefährlicher Raubtiere.

Diplodokus.

Abb. 12. Diplodokus.

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Neben den plumpen, massigen Atlantosauriern, wozu auch der Brontosaurus gerechnet wird, erscheint der Diplodokus (Doppelbalken) geradezu als eine zierliche Form. Er entstammt den gleichen Fundorten wie die vorigen und gehört gleichfalls der unteren Kreide an, dem sogenannten Wealden, das heißt der „Wälderformation“. Diese hat insofern manche Ähnlichkeit mit der Steinkohlen- und der Keuperformation, als die damaligen Festländer mit großen Sümpfen und Moorwäldern bedeckt waren und ein langandauernder Kampf zwischen Land und Meer herrschte. Aus jener Zeit stammen zahlreiche Steinkohlenflöze, die allerdings im allgemeinen von geringer Mächtigkeit sind, aber doch an manchen Orten bergmännisch abgebaut werden, so am Osterwald, am Deister, in Schaumburg und Bückeburg. Sie sind natürlich nicht aus den typischen Steinkohlenpflanzen (Siegel- und Schuppenbäumen usw.) hervorgegangen, denn jene existierten ja längst nicht mehr, sondern aus Pflanzen der Jura- und der ältesten Kreidezeit, hauptsächlich aus Farnen, Nadelhölzern und Sagobäumen (Zykadeen, Farnpalmen). Der Gattung Diplodokus gehören Tiere von 16 bis 25 Meter Länge und 3 bis 4 Meter Höhe an. In welcher Stellung sich dieselben bewegt haben, ist noch nicht festgestellt und je nachdem gelangt man zu verschiedenen Höhenangaben. Der 6 Meter lange Hals gleicht einer Riesenschlange und trägt einen großen, 60 Zentimeter langen Kopf, der etwelche Ähnlichkeit mit einem Pferdekopf hat, die Nasenlöcher befinden sich jedoch weit hinten bei den Augen. Die Kiefer sind nur im vorderen Teil bezahnt, die hinteren Zähne fehlen gänzlich; wir haben es also weder mit einem Raubtiergebiß, noch mit dem eines Pflanzenfressers zu tun. Die Zähne sind lang, dünn, stäbchenförmig und stehen ziemlich weit auseinander, wie die Zähne eines Rechens. Der ungeheure Schwanz zählt nicht weniger als 60 Wirbel. Es ist nicht leicht, sich die Lebensweise dieses märchenhaften Drachen vorzustellen. Man hat daran gedacht, daß er im Wasser nach Muscheln, Schnecken, Fischen, Krabben und Lurchen grundelte, wobei die Zähne nicht zum Beißen, sondern als Seiher dienten, also die gleiche Funktion ausübten wie das Fischbein der Bartenwale. Das hat in der Tat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Die größte Art (Diplodocus Carnegiei) wurde vor einigen Jahren auf Kosten des bekannten Stahlkönigs Carnegie ausgegraben und im Museum zu Pittsburg aufgestellt. Das Berliner Museum besitzt einen Gipsabguß davon, weitere befinden sich in Wien, Paris und London. Überreste nahe verwandter Gattungen wurden in Südamerika, Frankreich und England entdeckt.