Trotz der Häufigkeit der Mastodonreste sind vollständige Skelette jedoch sehr selten; eines der schönsten ist dasjenige von Turin, nach welchem die Rekonstruktion auf Seite 91 hergestellt ist. Die Mastodonten treten in Europa im mittleren Tertiär auf und verschwinden am Ende desselben; ihnen folgen die eigentlichen Elefanten; in Amerika dagegen sind sie noch im Diluvium in großer Zahl vorhanden. Sie bildeten dort eine wertvolle Jagdbeute des Urmenschen und sind offenbar erst dessen Verfolgungen erlegen. Sie spielten dort dieselbe Rolle wie in Europa und Asien die Mammute, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden.
Während die Mastodonten überallhin wanderten, die damals noch bestehenden Landbrücken zwischen Afrika und Europa, Indien und den großen Sundainseln, Europa und Amerika benutzend und fast die ganze Erdoberfläche sich unterwerfend, erfolgte in aller Stille die Bildung einer neuen Gattung. Durch Änderung des Klimas und damit der Pflanzenwelt erfolgte, wie es scheint in Indien, eine Änderung im Gebiß. Die Backenzähne, auf saft- und fleischlose harte Nahrung angewiesen, wurden breiter und falteten sich, wobei eine sehr breite Mahlfläche entstand. Es kommen die ersten echten Elefanten, die ebenfalls Wanderungen nach allen Seiten unternahmen und den Zitzenzähnern schwere Konkurrenz machten.
Abb. 31. Mammut.
Und was für Gestalten waren das! Der Urelefant (Elephas antiquus) hatte 5 Meter Rückenhöhe und 5 Meter lange Stoßzähne, übertraf noch Dinotherium und Mastodon an Riesenhaftigkeit und gilt zur Stunde als das größte aller Landsäugetiere. Aber der Wanderelefant (Elephas nomadicus) Ost- und Südasiens, der Elefant des Südens (Elephas meridionalis) Südeuropas, der Kaiserelefant (Elephas imperator) des südlichen Nordamerika, der Kolumbuselefant (Elephas Columbi) des mittleren Nordamerika und das Mammut (Elephas primigenius) Europas, Asiens und Amerikas standen dem Urelefant nur um ein Geringes nach. Und da die Welt voller Gegensätze ist, so fehlten auch die Zwerge nicht, die durch ein ungünstiges Geschick vom großen Kontinent weggerissen und auf kleine Inseln gewissermaßen interniert wurden, wobei sie verkümmerten. Auf Sizilien und Malta, Kreta und Zypern lebten Elefanten, die nur die Größe eines Kalbes erreichten.
Das berühmteste und bekannteste aller ausgestorbenen Rüsseltiere ist das Mammut- oder Mammonttier (Elephas primigenius), dessen riesige Zähne und Knochen zu unzähligen Sagen und zu den seltsamsten gelehrten Disputationen Anlaß gegeben haben. Die Mammutreste wurden bald für Gebeine irgendeines Heiligen, bald für solche von Riesen, bald für „Figurensteine“ gehalten. Heute noch werden solche in manchen Kirchen als Reliquien aufbewahrt, und im Jahre 1789 trugen die Chorherren des heiligen Vinzent zu Valencia in Spanien den Schenkelknochen eines Mammutelefanten bei Prozessionen herum, „um durch diesen vermeintlichen Arm des Heiligen dem ausgedörrten Lande Regen zu erflehen“. Item, wenn’s nur geholfen hat, wie Peter Hebel zu sagen pflegte. Daß die im Jahre 1577 unweit der Stadt Luzern ausgegrabenen Mammutknochen von einem Baseler Professor für „Gebeine der aufrührerischen gefallenen Engel“ erklärt und wie diese dann „sorgfältig gesammelt und anständig begraben wurden“, wollen wir hier nicht unerwähnt lassen. In der Michaeliskirche zu Hall am Kocher findet sich, wie Jäger berichtet, ein riesiger Stoßzahn in eisernen Bändern aufgehängt mit folgender Inschrift:
Tausend sechshundert und fünf Jahr
Den dreyzehnten Februar ich gefunden war
Bey Neubronn in dem Hallischen Land
Am Bühler Fluß zur linken Hand