Rüsseltiere.

Wer schon je vor dem Elefantenhaus eines Zoologischen Gartens gestanden, wird den Eindruck empfunden haben, daß die Bewohner desselben etwas durchaus Fremdartiges an sich haben, als würden sie aus einer anderen Welt stammen. Sie scheinen zu den heutigen Säugetieren nicht zu passen und bilden in der Tat eine seltsame isolierte Gruppe, die sich in keiner der großen Hauptabteilungen unterbringen läßt, weshalb man daraus eine besondere Ordnung gemacht hat, eben die der Rüsselträger oder Proboszidier. Das ist eine alte Sippschaft mit einer berühmten Vergangenheit, ein wahrhaft aristokratischer Stamm, dessen heutige Vertreter als wandelnde Petrefakten anzusehen sind. Der älteste zurzeit bekannte Ahne lebte zu Beginn der Tertiär- oder Braunkohlenzeit (Eozän) neben den Stammvätern der Wiederkäuer, Pferde, Schweine, Nagetiere und Raubtiere. Zu jener Zeit existierten die Alpen, der Jura, die Karpathen, der Himalaja und die Anden noch nicht; an Stelle der Schweiz flutete das Meer, und in England wuchsen Mammutbäume, Zimmet-, Lorbeer- und Feigenbäume, Fächer- und Fiederpalmen. Jener Stammvater — er wurde Möritherium getauft — war ein tapirähnlicher, keineswegs großer Bewohner Ägyptens, ohne Stoßzähne und eigentlichen Rüssel; er vermittelt den Übergang zu den Seekühen. Bei den Nachkommen werden die Schneidezähne zu mächtigen Hauern, und der Rüssel, der infolgedessen seine Wühltätigkeit aufgeben konnte, wurde zum Greiforgan. Der Stamm spaltet sich nun in mehrere Zweige, die sich in verschiedener Richtung entwickeln und teilweise früh aussterben.

Abb. 29. Dinotherium.

Zu den auffallendsten Typen der ganzen Gruppe gehört das Schreckenstier (Dinotherium), eines der größten aller Landtiere, vermutlich ein Bewohner großer Flüsse und Sümpfe wie das Nilpferd. Aus dem Eppelsheimer Sand des Mainzer Beckens ist ein vollständiger Schädel bekannt geworden, der zirka 1 Meter lang und 60 Zentimeter breit war; andere Funde in Württemberg, Frankreich und der Schweiz lassen auf eine Schädellänge von 2 Meter bei 1 Meter Höhe schließen. (Das Riesenschreckenstier [Dinotherium gigantissimum] besaß reichlich 5 Meter Länge bei 4½ Meter Rückenhöhe.) Abweichend von den Elefanten hatten die Dinotherien im Oberkiefer keine Stoßzähne, wohl aber im verlängerten, bogenförmig abwärts gekrümmten Unterkiefer. Vielleicht dienten dieselben als eine Art Karst, um die Stauden am Ufer der Gewässer auszuhacken. Die Schreckenstiere tauchen im mittleren Tertiär auf und verschwinden am Ende desselben wieder. Mit ihnen wetteiferten an Größe die Mastodonten, welche die ganze nördliche Halbkugel, außerdem Südamerika und Afrika bewohnten.

Abb. 30. Mastodon.

Beim Altmastodon (Paläomastodon) waren die oberen Schneidezähne säbelförmig und abwärts gerichtet, die unteren Stoßzähne als lange Schaufeln entwickelt. Offenbar dienten sie zum Aufpflügen des Bodens, woraus weiterhin geschlossen werden darf, daß diese Riesentiere keine Sumpfbewohner mehr waren, sondern das Trockene vorzogen. Bei den eigentlichen Mastodonten oder Zitzenzähnern, nach der Beschaffenheit der Backenzähne so getauft, werden die oberen Stoßzähne und der Rüssel immer länger, während die unteren Stoßzähne verkümmern und schließlich ganz verschwinden. Die Backenzähne sind kleiner, aber zahlreicher als beim Elefanten und, wie bereits erwähnt, mit zitzenförmigen Höckern versehen.

Mastodonreste finden sich in großer Zahl und in den verschiedensten jungtertiären Gebieten, in der Schweizermolasse zum Beispiel bei Elgg, Winterthur, Käpfnach und an anderen Orten, in Deutschland bei Öhningen, auf der Rauhen Alb und bei Eppelsheim am Rhein (Mainzer Becken), in Frankreich bei Sansans, bei Lyon usw. Bei Sansans im südwestlichen Frankreich fand man neben einem prachtvollen Schädel mit vier völlig erhaltenen Stoßzähnen die Knochenreste von Mäusen, Maulwürfen, Igeln und Fledermäusen, Fischen, Reptilien und Vögeln, ferner von Hunden, Katzen, Mardern, Hirschen und Antilopen, Tapiren, Nashörnern und Schweinen, Elefanten und Affen bunt durcheinander gewürfelt. Es wurde jene wunderbare, Fundstätte — offenbar ein alter Sumpf oder See, in welchen von Flüssen und Bächen Tierleichen aus der ganzen Umgebung zusammengeschwemmt wurden — vom unermüdlichen Lartet zuerst auf eigene Kosten durchwühlt, bis die französische Regierung die Forschungsarbeiten mit jährlichen Geldbeiträgen unterstützte, worauf ein förmliches Bergwerk auf Petrefakten eröffnet werden konnte.