Der Riesenhirsch ist in Europa offenbar schon am Ende der Gletscherzeit, als sich die Steppen und Bergeshöhen wieder zu bewalden begannen, ausgestorben; nur in Irland mit seinen ausgedehnten Wiesenflächen und Mooren hat er sich noch etwas länger halten können.
Den riesigen Pflanzenfressern der Diluvialzeit standen auch gewaltige Fleischfresser gegenüber. Das häufigste Raubtier war der Höhlenbär, größer als der Eisbär und der graue Bär Nordamerikas; er erreichte eine Länge von 10 Fuß und eine Höhe von 4 bis 4½ Fuß.
Abb. 27. Skelett des Höhlenbären.
„Wie heutzutage der Bär am liebsten in Höhlen und Felsklüften sich aufhält,“ berichtet O. Fraas in seinem Werke „Vor der Sintflut“, „so waren auch die Höhlen, die zur Diluvialzeit schon zugänglich waren, der Wohnort dieser nächtlichen Räuber. Lange Zeiten hindurch wohnten sie ausschließlich in den Höhlen, jedes andere Tier als Eindringling zurückweisend. Lange Zeiten hindurch blühte das Geschlecht; Jahrtausende verflossen, in denen eine Höhle die Wiege und das Grab von Generationen war. Im Hohlenstein (auf der Schwäbischen Alb) lagen auf einem Raum von wenigen Quadratklaftern in einer Tiefe von 6 Fuß 110 Schädel, 275 Unterkiefer usw., kurz eine Menge von Skelettstücken, die zum mindesten 400 Individuen angehörten. Unter ihnen sind alle Altersstufen vertreten, alle Knochen, alle Zähne, vom Milchzahn bis zu vollständig abgenutzten Zahnstumpen, beide Geschlechter, dazu eine Reihe kranker und verletzter Knochen. Die Knochenbrüche waren so häufig, daß man zur Genüge ersehen konnte, wie der Höhlenbär zu jener Zeit schon um seine Existenz zu kämpfen hatte, ob es gleich die Paradieszeit der Räuber war. Wer dem Höhlenbär ohne Zweifel am meisten Rippen einschlug und Knochen zerschmetterte, war wohl das Pferd, das, der Menge von Knochen nach zu urteilen, die Lieblingsnahrung des Meisters Petz bildete. Doch verschmähte er auch nicht Ochsen, Elen, Hirsch, Schaf und Elefant, die zerbissen und abgenagt jetzt mit den Knochen ihrer Sieger und Meister ruhig im Lehme liegen. Großartige Höhlen und Grotten, die heutzutage durch ihren imposanten Anblick überraschen, verschmähte er, ein kleiner Schlupf, ein sicherer Winkel war ihm lieber, am liebsten Höhlen, deren Eingang gerade so weit war, daß ein Individuum, mit dem Hinterteil voraus einfahrend, den Gang ausfüllte. Das ist noch die Gewohnheit der Bären, daß sie, hinter sich gehend, den Rücken gedeckt halten, um dem Feinde, der allenfalls ihn verfolgte oder in einer Höhle angriffe, Zähne und Tatzen weisen zu können. Fast an allen Bärenhöhlen kann man deshalb da, wo der Schlupf sich verengt, eine Glättung und Politur der Felsen wahrnehmen, beziehungsweise eine inkrustierte glatte Schichte beobachten, die im Laufe der Zeit vom durchgezwängten Bärenfell aufgetragen wurde, so etwa wie sich Felssteine glätten, die, weil irgend von religiöser Bedeutung, den Küssen andächtiger Gläubigen ausgesetzt sind.“
Abb. 28. Schädel des Machairodus.
In Italien, Frankreich und England tritt der Höhlenbär zurück vor der Höhlenhyäne, die in Deutschland ziemlich selten ist. Hyäne und Bär scheinen sich also gemieden zu haben. Wie die lebenden Verwandten, so hatte die Höhlenhyäne die Gewohnheit, die Knochen der Beutetiere zu zermalmen, wozu sie durch die Stärke ihres furchtbaren Gebisses und die mächtige Entwicklung der Kaumuskulatur besonders befähigt war. Man wird also schon aus der Art und Weise, in welcher die Knochen bearbeitet sind, auf die Existenz der einen oder anderen Raubtiergattung schließen können.
Die Katzenfamilie stellt mehrere Vertreter, darunter einen messerzähnigen Tiger (Machairodus), einen nahen Verwandten der tertiären Machairodusarten, und den gewaltigen Höhlenlöwen, der über einen großen Teil von Europa verbreitet, jedoch nicht in solcher Anzahl vorhanden war wie Bär und Hyäne. In Spanien und Frankreich kommen zudem zwei große Pantherarten vor, so daß Europa damals eine an Artenzahl wie an Riesenhaftigkeit der Formen großartigere Raubtierfauna besaß als irgend ein Kontinent heutzutage, selbst Afrika und Asien nicht ausgenommen.