Die nordamerikanischen Fundstätten sind außer durch ihre zahlreichen phantastischen Biester noch besonders berühmt durch die ans Wunderbare grenzende Vollkommenheit der Entwicklungsreihen des Pferdestammes. Sie haben die unbestreitbaren Beweise für die überraschende Tatsache geliefert, daß unsere heutigen Einhufer (Pferd, Esel, Zebra) von fünfzehigen Tieren der älteren Braunkohlenzeit (Eozän) abstammen und daß sie mit Nashorn und Tapir blutsverwandt sind.

Als Ausgangspunkt des amerikanischen Stammbaums wird die Gattung Phenakodus genannt. Dieselbe lebte in der ältesten Tertiärzeit und stellte einen ausgezeichneten Sammeltypus dar, indem das Skelett typische Merkmale von Raubtieren, Elefanten und Huftieren in seltsamem Gemisch vereinigt. Die Glieder endigen in fünf Zehen, von denen jedoch die erste und fünfte den Boden nicht berühren. Die mittlere oder dritte Zehe ist die stärkste und bildet den Hauptpfeiler des Fußes, worin ein hervorstechendes Charakteristikum der Unpaarzeher liegt. Auf Phenakodus folgt die Gattung Eohippus, die am Vorderfuß vier Zehen und von der fünften nur noch einen verkümmerten Rest, am Hinterfuß dagegen bloß drei Zehen besitzt. Von da leiten die Gattungen in schönster Weise bis zu den heutigen Einhufern herauf: Orohippus, vorn mit vier Zehen, wovon die eine stark zurücktritt; Mesohippus, etwa dem europäischen Paläotherium entsprechend, mit drei Zehen, am Ende des Eozän; Miohippus (Anchitherium) im Miozän, gleichfalls mit drei Zehen; die beiden letzten Gattungen noch mit schwachen Andeutungen (Rudimenten) einer vierten Zehe; Protohippus oder Hippotherium im unteren Pliozän, mit drei Zehen, nämlich der zweiten, dritten und vierten, wovon nur die mittlere den Boden berührt; Pliohippus und endlich das Pferd, mit einer einzigen, sehr starken, nämlich nur mit der dritten Zehe; erste und fünfte sind vollständig verschwunden, zweite und vierte als die rudimentären Griffelbeine nur noch angedeutet.

Einige Mittelformen sind schon frühzeitig auf den damals noch vorhandenen Landbrücken nach Europa und Asien ausgewandert, so besonders das Paläotherium, Alttier, das durch die klassischen Untersuchungen des großen Cuvier Berühmtheit erlangt hat. Merkwürdigerweise ist der Pferdestamm in seinem Ursprungsland, in Amerika gänzlich ausgestorben, während er sich bei uns lebenskräftig und entwicklungsfähig erhalten hat. Zur Zeit der Entdeckung der „Neuen Welt“ besaß letztere nämlich keinerlei Einhufer; fast die ganze riesenhafte, vielgestaltige und merkwürdige Säugetierwelt der Braunkohlen- und der Eiszeit war verschwunden; die heutigen Pferde Amerikas stammen von eingeführten europäischen ab.

Die Zweihufer (Wiederkäuer) haben ebenfalls eine lange und interessante Geschichte hinter sich, doch weisen ihre Entwicklungsreihen noch große Lücken auf. Indessen fördern die Paläontologen, speziell diejenigen Nordamerikas, denen großartige Hilfsmittel zu Gebote stehen, Jahr um Jahr neue überraschende Funde zutage, so daß man fast mit Sicherheit voraussagen kann: in absehbarer Zeit werden die fehlenden Glieder gefunden und die Abstammungsreihen geschlossen sein.

Abb. 26. Irischer Riesenhirsch.

Von den zahlreichen fossilen Wiederkäuern mag hier nur eine einzige Art Erwähnung finden, nämlich der irische Riesenhirsch, dessen Geweihenden über 3 Meter auseinander liegen. Besonders schön erhaltene Skelette finden sich in den Torfmooren Irlands. Der Riesenhirsch lebte noch mit dem Menschen zusammen; ja es ist sogar vermutet worden, daß er in Deutschland erst im Mittelalter ausgestorben sei. Das Nibelungenlied, dessen Entstehung ins zwölfte Jahrhundert angesetzt wird, führt nämlich unter der Jagdbeute des „hörnenen Siegfried“ auch einen „Schelch“ an, welchen Namen man von schelchen, das heißt schief oder schwankend laufen, abgeleitet hat. Der schwankende Gang sollte seine Ursache in der Schwere des Tieres und der Größe des Geweihs haben. Die betreffende Stelle lautet:

Drauf nun schlug er schiere einen Wisent und einen Elch,

Starker Ure viere und einen grimmen Schelch.

Demgegenüber wird behauptet, daß der Schelch nichts anderes sei als der männliche Elch (Elentier).