Allerlei Könige.

Die Frage, ob die Lebewesen der Vorzeit die heutigen an Körpergröße, Stärke und Lebensdauer weit überragt haben, ist immer noch nicht erledigt, denn die Antwort ist nicht so leicht und einfach, daß sie sich mit Ja oder Nein abtun ließe. Der Leser mag sich gleich selber davon überzeugen. In den ältesten Schichtgesteinen, in den Urtonschiefern, Grauwackensandsteinen, Schiefertonen des Algonkium und Kambrium fehlt die Pflanzenwelt fast gänzlich, und es hat den Anschein, als ob damals nur Tange und verwandte Gewächse existiert hätten. Nun mögen unter diesen wohl auch Riesenformen gewesen sein, gibt es doch in den heutigen Meeren solche von 200 bis 300 Meter Länge (Birnentang); aber höhere, holzige Pflanzen nach Art unserer Bäume gab es wohl noch nicht. Die Pflanzenwelt hat „klein“ angefangen und Jahrmillionen hindurch nur aus Algen und moosartigen Formen bestanden; erst in der Silurperiode hat sie es zu größeren Landpflanzen und erst in der sogenannten Steinkohlenzeit zu üppiger Entwicklung gebracht. Nun war das Festland mit großen Wäldern bedeckt, und diese bestanden aus den berühmten Siegel- und Schuppenbäumen, Riesenschachtelbäumen (Kalamiten) und Baumfarnen. (Siehe Geschichte der Erde, zweiter Teil, Seite 35 ff.[1]) Das waren nun freilich gewaltige Riesen, denn die heutigen Vettern der Siegel- und Schuppenbäume, die Bärlappgewächse und Moosfarne, sind kleine, unscheinbare, schwächliche Pflänzchen, von deren Dasein die meisten Menschen nicht einmal eine Ahnung haben, und die Nachkommen der Riesenschachtelbäume sind die Schachtelhalme oder „Katzenschwänze“, deren stattlichste einheimische Art unter dem Namen Zinnkraut bekannt ist. Das möchte in der Tat zum Gedanken verleiten, daß die Pflanzenwelt wenigstens zur Steinkohlenzeit viel großartiger und üppiger als heute gewesen, daß die Natur damals größere Lebenskraft besessen und daß seitdem ein gewaltiger Rückgang, eine Verarmung und Verkrüppelung, eine Degeneration stattgefunden habe. Das wäre indessen entschieden ein Trugschluß. Wir dürfen nicht vergessen, daß die seltsamen Bäume des Steinkohlensumpfes die größten und höchstentwickelten Gewächse jener Zeit waren und daß sie von der heutigen Baumwelt sowohl hinsichtlich der Größe als auch in bezug auf anatomischen Bau, Zahl und Mannigfaltigkeit der Arten und Lebenserscheinungen — sie tragen zum Beispiel Blüten und Samen, jene nicht — weit in Schatten gestellt werden. Nach jenen Steinkohlenpflanzen kamen die Blütenpflanzen: die Nadelhölzer, die Palmen, die verschiedenartigen Laubbäume und all die wundervollen Blumen, also kein Niedergang, sondern ein gewaltiger Aufstieg. Aber dieser Aufstieg vollzog sich in verwickelten Kurven und hatte eben den Untergang der meisten alten Formen zur Folge, was bei jedem Fortschritt zutage tritt, weshalb ja die Anhänger des Alten den Fortschritt so fürchten und hassen, sie wissen oder ahnen wenigstens: das ist ihr Tod. So sehen wir denn, daß zu jedem Zeitalter, in jeder Periode irgendeine Klasse, Ordnung, Familie oder Gattung besonders hervorragt und die anderen Zeitgenossen überragt, sie gewissermaßen beherrscht, worauf wieder der Abstieg und meist völliges Aussterben erfolgt, daher das Wort von den Königen und Herrscherdynastien des Tier- und Pflanzenreiches. Nahmen im ältesten Altertum gewisse Tange den höchsten Rang ein, so rückten später die Schuppen-, Siegel- und Schachtelbäume an deren Stelle. Diese wurden im Mittelalter der Erde durch Zapfenfarne (Farnpalmen) und Urnadelhölzer verdrängt, und hernach folgten die modernen Nadelhölzer und Laubbäume. Es ist nicht wahrscheinlich, daß es je gewaltigere Baumriesen gegeben hat als die heutigen Eichen, Ahorne, Linden, Kastanien, Tannen, Fichten, Kiefern, Mammutbäume, Kokospalmen, Affenbrotbäume, Gummibäume, Fieberheilbäume und Pfefferminzbäume, welch letztere über 120 Meter hoch werden.

Wie verhält sich’s nun mit den Tieren? Von ihren ältesten Vertretern ist uns ebensowenig bekannt wie von den ältesten Pflanzen; doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß auch die Tierwelt, die offenbar aus einem Zweige der Urpflanzen, und zwar aus Uralgen hervorgegangen ist, mit sehr einfachen und kleinen Formen, ähnlich den heutigen Urtieren, angefangen hat. Ein pfenniggroßer Batzenstein (Nummulit) gilt da schon als Koloß, denn er ist millionenmal größer als die kleinsten Aufgußtierchen; das wäre so eine Art „Urkönig“. In den ältesten versteinerungführenden Schichten treten uns keine Giganten entgegen; alles ist noch zwerghaftes Kleingetier. Erst im Silur und Devon treffen wir kraftstrotzende Gestalten: Riesenkrebse, Geradhörner und Panzerfische. Zwar haben auch die seltsamen Lappenkrebse (Trilobiten, siehe zweiter Teil, Seite 21 ff.) den Anspruch erhoben, als „Könige“ zu gelten, und ihre größten Arten von 20 bis 30 Zentimeter Länge waren verhältnismäßig recht stattliche Gesellen, die auch hinsichtlich ihrer Organisation sicherlich ihre Zeitgenossen überragten, aber der Seraphim und dessen Vettern (Pterygotus, Eurypterus, Stylonurus) tragen den Namen Riesenkrebse (Gigantostraken) doch mit größerem Rechte, erreichten sie doch bis 2 Meter Länge. Niemals, weder vor- noch nachher, haben sich Krebse zu dieser erstaunlichen Größe emporgeschwungen. Aber es waren auch recht ungeschlachte Gesellen, die im Kampf ums Dasein eine traurige Rolle spielten und bald von der Bühne abtreten mußten, denn Großsein tut es nicht allein.

Das gilt auch von den Geradhörnern, Vorfahren der heutigen Tintenfische, die ebenfalls mehrere Meter lang wurden und mit kegelförmiger gekammerter Schale versehen waren. Die heutigen Tintenfische oder Kopffüßer, wie der wissenschaftliche Klassenname lautet, weisen indes viel mächtigere Vertreter auf, gibt es doch in unseren Ozeanen Tintenfische mit 10 Meter langen Fangarmen.

Auch die Insekten, die uns zum erstenmal in der Steinkohlenformation entgegentreten, haben ihre Riesen: gewaltige Schaben und Termiten und phantastische Gespenstheuschrecken von 50 Zentimeter Länge, mit wallnußgroßem Kopf und scharfem Schnabel. Aber diese „Insektenkönige“ bilden keineswegs die Blüte ihrer Klasse, vielmehr einen bizarren Auswuchs, dessen Gipfel bald abdorrte. Seinen höchsten Triumph feiert der Insektentypus in den heutigen Käfern, Schmetterlingen, Wespen, Bienen und Ameisen.

Aber damit sind wir viele Jahrmillionen vorausgeeilt und müssen nochmals zurück zum Altertum der Erdgeschichte, zum Zeitalter der Riesenkrebse und Geradhörner. Derweil ist nämlich der rastlos tätigen Natur die Schaffung eines neuen Typus gelungen, nämlich des Wirbeltiers. Damit hat sie eine ganz neue Bahn betreten, die zu den höchsten Höhen führte und eine fast unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit ermöglichte. Während die bisherigen Typen: Urtiere, Pflanzentiere, Würmer, Sterntiere, Weichtiere und Gliederfüßer sich im tobenden Kampfe ums Dasein dadurch zu schützen suchten, daß sie ihre Leiber in ein äußeres Skelett, ein Gehäuse, eine Schale oder einen Panzer steckten, probierten es die Wirbeltiere mit einem inneren Skelett, einem achsenständigen Knochenbau. Diese Entwicklung vollzog sich aber nicht sprungweise, sondern tappend und unsicher in zahllosen, bald fehlgeschlagenen, bald mit Erfolg gekrönten Versuchen. Die ältesten Entwicklungsreihen waren nicht erhaltungsfähig und sind daher unbekannt; doch unterliegt es keinem Zweifel, daß das Wirbeltier einem uralten Zweig des wunderbar mannigfaltigen Wurmkreises entsprossen ist. Noch heute existiert eine kleine, aber höchst merkwürdige Gruppe von Meeresbewohnern, welche das Bindeglied zwischen den beiden jetzt so weit auseinanderliegenden Tierkreisen bildet. Das sind die sogenannten Manteltierchen, deren Jugendstadien direkt zum niedersten Wirbeltier, dem berühmten Lanzettfischchen hinüberleiten.

Die ersten Wirbeltiere treten auf in der sogenannten Silurformation, der dritten Hauptabteilung des Altertums der Erde (der paläozoischen Ära). Es sind abenteuerlich gestaltete Wesen mit knorpeligem Innenskelett und starkem Hautpanzer (Panzerköpfe, Schildköpfe und Flügelfische, deren Bild der Leser in Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, Seite 34 und 35, findet). Die meisten Arten waren von kleiner Gestalt und geringer Bewegungsfähigkeit, bei denen das Wirbeltierprinzip nicht recht zur Geltung kommt. Aber die Schreckensfische der Devonzeit (Dinichthys und Titanichthys) waren Riesen von 6 Meter Länge und meterlangem Kopf. Indessen auch sie vermochten sich nicht lange zu behaupten und starben noch in der Devonzeit aus. Dem Panzerfisch erging es wie dem treulosen Knappen in Uhlands Ballade: „Und wie er rudert und wie er ringt, der schwere Panzer ihn niederzwingt.“

Erfolgreicher waren die Haie, die sich des starren, hindernden Panzers entledigten und die Haut nur mit zahnartigen Stacheln schützten, dafür aber an Beweglichkeit, Furchtbarkeit des Gebisses und Schärfe der Sinne eine solche Vollkommenheit erlangten, daß sie sich zu Herren des Ozeans emporschwingen konnten; sie sind die „Könige“ der Fischwelt geblieben bis auf unsere Tage. Leider eignet sich ihr Körper nicht für den Versteinerungsprozeß, da ihr Skelett aus leicht vergänglichem Knorpel besteht und nur Zähne und Flossenstacheln verknöchert sind. Diese finden sich in manchen Gesteinschichten geradezu massenhaft und lassen auf gewaltige Ungeheuer schließen. Der sägezähnige Riesenhai (Carcharodon megalodon) der Braunkohlenzeit, ein Koloß mit 15 Zentimeter langen und ebenso breiten dreieckigen Zähnen, mag seine heutigen Vettern an Größe noch übertroffen haben und darf wohl den gewaltigsten aller Geschöpfe zugezählt werden.

[1] Die voraufgegangenen beiden Bändchen der Geschichte der Erde enthalten: Erster Teil, Wie Berg und Tal entstehen (Nr. 15 der „Kleinen Bibliothek“); zweiter Teil, Die Weltalter (Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“).