Die eigentlichen Drachen waren geflügelt und besaßen einen Schlangenleib, manche hatten Löwenfüße und Löwenhäupter, andere Adlerklauen und Adlerköpfe. Sie konnten Feuer speien und ihr Blick, ihr Geifer und ihr Blut waren tödlich, ihre Ausdünstungen bewirkten Gewitter und pestilenzialische Krankheiten und entvölkerten ganze Gegenden.

„Und horch, eine Märe durchkreiset das Land:

Nidwalden verheeret ein Drache!

Es drohet dem Ländchen ein gräßliches Los,

Schon decken das einsame traurige Moos

Die Knochen von Menschen und Tieren.“

Die Lindwürmer dachte man sich flügellos und bald mehr schlangen-, bald mehr krokodilähnlich (Tatzelwürmer); sie waren häufig die Behüter kostbarer Schätze. Die größten unter ihnen konnten durch ihre heftigen Bewegungen, zumal durch wildes Schlagen mit dem Schwanze Erdbeben erregen. Nach der persischen Göttersage schuf Ahriman, der Gott des Bösen und der Finsternis, den Drachen Dahaka, der die Welt verwüsten sollte. Bei den nordischen Germanen spielte die vom Höllengott Loke und der Riesin Angoboda gezeugte Midgardschlange eine ähnliche Rolle. Sie reichte um den ganzen Erdkreis herum und erzeugte Ebbe und Flut. Beim Weltuntergang kämpft sie gegen die Götter und wird vom Wettergott Thor mit dem Wunderhammer Miölnir erschlagen; der siegreiche Gott ertrinkt aber in den Giftströmen, die sie über ihn ergießt. Besser bekannt — wenigstens dem Namen nach — ist die gemeine große Seeschlange, welche regelmäßig jedes Jahr zu ganz bestimmter Zeit auftaucht, um dann wieder spurlos zu verschwinden.

Das alte, heil’ge, ewige Meer beherbergt eine Menge fabelhafter Ungetüme, außer riesigen Fischen, Walen und Seeschlangen besonders kolossale Kraken oder Polypen, Verwandte des gewöhnlichen Tintenfisches. Der dänische Bischof Pontoppidan (gestorben 1765) berichtet von einem Riesenpolypen, welcher eine halbe Wegstunde Durchmesser hatte und Hügel und Seen trug. Auf seinem Rücken konnte ein Regiment Soldaten exerzieren. Seine Arme waren stärker als die Mastbäume der größten Schiffe.

Ich kann hier nicht untersuchen, wie und wodurch all die Mären von Riesen und Drachen entstanden sind, ich denke mir, daß ihnen gar mancherlei Ursachen zugrunde liegen werden. Viele sind wohl lediglich der „Lust am Fabulieren“ geschuldet, sie sind Erfindungen der Phantasie oder stellen starke Übertreibungen von wirklich Geschautem dar, wobei durch Überlieferung, Zusätze und Ausschmückungen eben ein phantastisches Fabelwesen entstand wie Pontoppidans Riesenpolyp. Von Seefahrern und Entdeckungsreisenden wurden wohl auch manche Fabeleien erfunden, um sich ein großes Ansehen zu geben oder um allfällige Konkurrenten abzuschrecken. Bei der großen Unwissenheit in naturwissenschaftlichen Dingen und dem krassen Aberglauben früherer Zeiten war es ein leichtes, den Mitmenschen die größten Bären aufzubinden.

Etwas anderes ist es mit den Riesen und Ungeheuern der alten Göttersagen (Mythen), dieselben sind wohl durchweg Personifikationen von Naturkräften und Naturereignissen: Kälte, Hitze, Sturm, Erdbeben, Fruchtbarkeit, Überschwemmungen, Toben des Meeres, Epidemien usw. Sodann haben wohl auch die Funde großer Knochen zu mancherlei Fabeleien Anlaß gegeben, besonders die ziemlich häufigen und gut erhaltenen Skelettreste von Mammut- und Mastodonelefanten, Flußpferden, Nashörnern, Riesenhirschen, Walfischen. Die angeblichen Skelette des Helden Ajax und des Königs Teutoboch bestanden höchstwahrscheinlich aus Knochen ausgestorbener Riesentiere. Mit diesen wird sich das vorliegende Bändchen befassen; es ist also ein kurzer Auszug oder wenn wir wollen eine Sammlung von Stichproben aus der Lehre von den ausgestorbenen Geschöpfen (Paläontologie), wobei einige Kenntnisse der geologischen Perioden und Formationen vonnöten sind, was der Leser im zweiten Bändchen unserer Geschichte der Erde: Die Weltalter, Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, findet.