Als ich mein Zimmer betrat, fand ich meinen Lehrer dort wartend. Meine erregten Gefühle wogten noch in mir. »Die Freiheit, Meister,« begann ich ohne ein Wort der Begrüßung oder der Frage, »die Freiheit ist das Höchste für den Menschen. Nichts läßt sich mit ihr vergleichen, — gar nichts!«

Überrascht über diesen Ausbruch, sah mein Lehrer schweigend zu mir auf.

»Aus Büchern kann man nichts verstehen«, fuhr ich fort. »Wir lesen in den heiligen Schriften, daß unsre Begierden Fesseln sind, die so wohl uns selbst, wie andre binden. Aber solche Worte an sich sind so leer. Erst in dem Augenblick, wo wir den Vogel aus dem Käfig lassen, wird es uns klar, wie unfrei der Vogel uns gemacht hatte. Was wir einkerkern, es sei, was es sei, fesselt uns mit Begierde, deren Bande stärker sind als eiserne Ketten. Ich sage Ihnen, Meister, dies ist es, was die Menschen nie begreifen wollen. Sie alle versuchen irgend etwas zu reformieren, was außerhalb ihrer selbst ist. Aber die eigenen Begierden sind es, die reformiert werden müssen, sonst nichts, sonst nichts!«

»Wir meinen,« sagte er, »daß wir unser eigener Herr sind, wenn wir den Gegenstand unsrer Begierden in unsre Hand bekommen haben, aber in Wahrheit sind wir nur unser eigener Herr, wenn es uns gelingt, unser Herz von unsern Begierden zu befreien.«

»Wenn wir das alles so in Worte fassen, Meister,« fuhr ich fort, »so klingt es wie irgendeine sterile Greisenweisheit, aber wenn wir uns etwas davon wirklich begreifen, so sehen wir, daß es amrita ist, das die Götter tranken und unsterblich wurden. Wir können die Schönheit erst erkennen, wenn wir sie freilassen. Es war Buddha, der die Welt eroberte, nicht Alexander, — dies ist falsch, wenn wir es in trockner Prosa sagen, — ach, wann werden wir es in die Welt hinaus singen können? Wann werden alle diese innersten Wahrheiten des Universums überfließen über die Seiten der gedruckten Bücher und sich zu einem heiligen Strom vereinigen?«

Plötzlich fiel mir ein, daß ja mein Lehrer die letzten Tage verreist gewesen war, und ich den Grund seiner Abwesenheit noch nicht erfahren hatte. Ich schämte mich etwas über meine Gedankenlosigkeit und fragte ihn: »Und wo sind Sie die ganze Zeit gewesen, Meister?«

»Bei Pantschu«, erwiderte er.

»Wirklich!« rief ich aus. »Sind Sie alle diese Tage dagewesen?«

»Ja. Ich wollte mit der Frau, die sich seine Tante nennt, zu einer Verständigung kommen. Sie konnte es gar nicht fassen, daß es unter den Vornehmen solche Käuze gäbe, wie der, der Gastfreundschaft bei ihnen suchte. Als sie sah, daß ich wirklich die Absicht hatte, zu bleiben, fing sie an, sich etwas zu schämen.« »Mütterchen,« sagte ich, »Sie werden mich nicht los, selbst wenn Sie mich schlecht behandeln! Und solange ich bleibe, bleibt Pantschu auch. Denn, nicht wahr, Sie müssen doch einsehen, daß ich es nicht ruhig mit ansehen kann, wenn seine mutterlosen Kleinen auf die Straße gesetzt werden?«