»Warum brauchen Sie es zu wissen? Es ist ganz einfach.«
»Aber ich möchte es doch wissen.«
Amulja kramte in seiner Jackentasche und zog erst eine kleine Ausgabe der Gita heraus, die er auf den Tisch legte, — und dann eine kleine Pistole, die er mir zeigte, ohne weiter etwas zu sagen.
Entsetzlich! Er besann sich keinen Augenblick, unsern guten alten Schatzmeister[32] zu töten! Wenn man sein freimütiges, offenes Gesicht sah, hätte man gedacht, daß er keiner Fliege wehtun könnte, aber was waren das für Worte, die aus seinem Munde kamen! Es war klar, der Schatzmeister war für ihn nichts Wirkliches und Lebendiges, das zu seinem Gefühl sprach, sondern nur eine Leere, die ausgefüllt war mit immer bereiten Sprüchen aus der Gita wie: »Wer den Leib tötet, tötet nichts!«
»Aber Amulja, was denkst du dir nur?« rief ich endlich aus. »Weißt du denn nicht, daß der gute alte Mann Frau und Kinder hat und daß er...«
»Wo sollen wir Männer finden, die keine Frauen und Kinder haben?« unterbrach er mich. »Sehen Sie, Maharani, was wir Mitleid nennen, ist im Grunde nur Mitleid mit uns selbst. Wir scheuen uns, unsre eigenen weicheren Regungen und Gefühle zu verletzen, und daher schlagen wir nicht zu! Das ist der Gipfel der Feigheit!«
Es machte mich betroffen, als ich Sandips Phrasen aus dem Munde dieses Knaben hörte. Er war noch so rührend jung und unreif, — in dem Alter, wo man noch an das Gute als solches glauben kann, in dem Alter, wo man wahrhaft lebt und wächst. Die Mutter in mir erwachte.
Für mich selbst gab es nicht Gut noch Böse mehr, — gab es nur den Tod, den schönen lockenden Tod. Aber als ich diesen Knaben so ruhig von der Ermordung eines harmlosen alten Mannes reden hörte wie von einer ganz gerechten Sache, überlief mich ein Schauder. Je deutlicher ich sah, daß in seinem Herzen keine Sünde war, desto furchtbarer erschien mir die Sünde in seinen Worten. Es war mir, als ob die Sünde der Väter an dem unschuldigen Kinde heimgesucht würde.
Der Anblick seiner großen, von Glauben und Begeisterung leuchtenden Augen schnitt mir durch die Seele. Er stürzte sich in seiner Verblendung geradeswegs in den Schlund des Drachen, aus dem es keine Rückkehr gab. Wie konnte ich ihn retten? Warum erweist sich mein Land nicht einmal als wirkliche Mutter, die ihren Sohn ans Herz drückt und ausruft: »O, mein Kind, mein Kind, was nützt es, daß du mich rettest, wenn ich dich nicht retten kann?«
Ich weiß wohl, daß alle Macht auf Erden groß wird, wenn sie sich mit dem Satan verbündet. Aber die Mutter ist da, daß sie, und wenn sie auch ganz allein steht, dem Teufel trotze und sein Werk zu hindern suche. Die Mutter macht sich nichts aus bloßem Erfolg, wie groß er auch sei, — sie will Leben geben und Leben erhalten. Und meine Seele streckt in inbrünstigem Verlangen heute die Hände aus, dies Kind zu retten.