»Nun, so schiebe es nicht auf! Ich sage dir, Nikhil, alle Rassen der Welt müssen mit vereinten Kräften an der Geschichte der Menschheit bauen, und solange sie noch ihr Gewissen um der Politik willen verkaufen und ihr Vaterland zum Götzenbild machen, haben sie ihr Ziel noch nicht erkannt. Ich weiß, daß Europa dies im Grunde nicht zugibt, aber in diesem Punkte hat es kein Recht, unsern Lehrmeister zu spielen. Die Menschen, die für die Wahrheit sterben, sind unsterblich; und wenn ein ganzes Volk für die Wahrheit stirbt, so wird es auch in der Geschichte der Menschheit Unsterblichkeit erringen. Möge hier in unserm Indien unter dem Hohngelächter der Hölle das Gefühl für diese Wahrheit lebendig werden! Welch furchtbare Sündenseuche ist aus fremden Ländern in unser Land geschleppt...«

Der ganze Tag verging in der Unruhe, die die Untersuchung brachte. Ich war ganz erschöpft, als ich mich abends zur Ruhe begab. Ich war noch nicht dazugekommen, das Geld meiner Schwägerin nach dem Schatzamt zu schicken, und verschob es bis zum nächsten Morgen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel. Ich glaubte, irgendwo ein Stöhnen zu hören. Jemand mußte aufgeschrien haben. Tränenschweres Schluchzen erklang wie Windstöße durch die Regennacht. Mir war es, als ob der Schrei mitten aus meinem Zimmer gekommen wäre. Doch ich war allein. Bimala hatte seit einigen Tagen ihr Bett in einem andern Zimmer neben dem meinen. Ich stand auf, und als ich hinausging, fand ich sie auf dem Balkon ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem nackten Boden.

Was ich jetzt erlebte, läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur er weiß es, der im Herzen der Welt sitzt und all ihr Weh in seinem eignen Herzen fühlt. Der Himmel ist stumm, die Sterne schweigen, still liegt die Nacht da, und inmitten von all diesem lautlosen Schweigen der eine verzweifelte Schrei!

Wir geben solchem Leid Namen, gute oder schlechte, je nachdem wie es die Wissenschaft einreiht, aber hat diese Todesangst, die aus einem zerrissenen Herzen aufsteigt und sich in das bodenlose Dunkel ergießt, überhaupt einen Namen? Als ich in jener Nacht unter dem schweigenden Sternenhimmel auf jene Gestalt herabsah, erbebte meine Seele in heiliger Scheu, und ich sagte zu mir selbst: »Wer bin ich, daß ich sie richten sollte?« O Leben, o Tod, o Gott des ewigen Seins, ich beuge mein Haupt in Schweigen dem Geheimnis, das in dir ist.

Einen Augenblick schwankte ich, ob ich umkehren sollte. Aber ich konnte es nicht. Ich kniete neben Bimala nieder und legte meine Hand auf ihren Kopf. Bei der ersten Berührung war es, als ob ihr ganzer Körper erstarrte, aber im nächsten Augenblick löste sich die Starrheit, und die Tränen brachen hervor. Ich strich sanft mit den Fingern über ihre Stirn. Plötzlich tasteten ihre Hände nach meinen Füßen, sie zog sie zu sich heran und preßte sie mit solcher Gewalt gegen ihre Brust, daß ich dachte, ihr Herz würde brechen.


BIMALAS ERZÄHLUNG

XVIII