Zuerst argwöhnte ich nichts, fürchtete nichts; ich fühlte nur, daß ich ganz meinem Vaterlande gehörte. Wie beglückend war diese rückhaltlose Hingabe! Nun wurde es mir offenbar wie der Mensch in völliger Selbstaufopferung seine höchste Seligkeit finden kann.

Ich glaube, daß dieser Rausch wohl allmählich ganz von selbst vorübergegangen wäre. Aber das wollte Sandip Babu nicht; ich sollte ihn erst ganz kennenlernen. Der Ton seiner Stimme war wie eine körperliche Berührung, jeder seiner Blicke warf sich bettelnd mir zu Füßen. Und hinter dem allen brannte eine Leidenschaft, so ungestüm, daß sie mich hätte mit den Wurzeln ausreißen und an den Haaren mit sich schleifen mögen.

Ich will der Wahrheit nicht ausweichen. Ich fühlte Tag und Nacht sein zehrendes Verlangen. Es hatte etwas so wahnsinnig Verlockendes, mich in den Abgrund solcher Leidenschaft zu stürzen. Wie furchtbar schien es, wie schmachvoll, und doch wie süß! Dazu kam meine unbezähmbare Neugier, die mich immer weitertrieb. Ich wußte so wenig von ihm, er konnte nie und auf keine Weise mein werden, und seine Jugend loderte in tausend Flammen auf — ach, wie voller Geheimnis war diese ungeheure, heiße Leidenschaft!

Im Anfang hatte ich ein Gefühl der Verehrung für Sandip, doch das schwand bald. Ich hörte sogar auf, ihn zu achten; ja, ich begann, auf ihn herabzusehen. Dennoch war mein Herz ein Instrument, das er meisterhaft zu spielen wußte. Was nützte es, wenn ich vor seiner Berührung zurückwich und sogar das Instrument selbst in mir haßte; es mußte doch seinem Zauber gehorchen.

Ich muß gestehen, es war etwas in mir, was... wie soll ich sagen?... etwas, was mich wünschen läßt, daß ich damals gestorben wäre.

Tschandranath Babu kommt immer, wenn er Zeit findet, zu mir. Er hat die Kraft, meinen Geist zu einer Höhe zu erheben, von der ich in einem Augenblick das Gebiet meines Lebens nach allen Seiten vor mir ausgebreitet sehe und erkenne, wo seine wirklichen Grenzen sind und daß ich töricht darüber hinausgehen wollte.

Aber was nützt das alles? Will ich denn wirklich Befreiung? Es ist, als ob ich nur ein Gebet habe: mag Leid über unser Haus kommen, mag das Beste in mir verkümmern und verdorren; wenn nur dieser süße Wahn mir bleibt!

Wenn ich vor meiner Heirat meinen verstorbenen Schwager sah, wie er wahnsinnig vor Trunkenheit seine Frau schlug und dann in rührseliger Reue schluchzend und heulend gelobte, keinen Branntwein wieder anzurühren, und wie er dann doch am selben Abend sich hinsetzte und ein Glas nach dem andern trank, dann war ich von Ekel gegen ihn erfüllt. Aber mein Rausch heute ist noch furchtbarer. Ich brauche mir das Gift nicht erst zu verschaffen und einzuschenken: es quillt in meinen Adern, und ich weiß nicht, wie ich ihm widerstehen soll.

Muß dies bis zum Ende meines Lebens so fortgehen? Bisweilen sehe ich mich selbst erschrocken an und denke, mein Leben ist ein Nachtmar, der plötzlich mit seiner ganzen Lüge verschwinden wird. Es ist so ganz losgelöst von allem, was war, und hat keine Beziehung mehr zu seiner Vergangenheit. Was es jetzt ist und wie es so werden konnte, kann ich nicht verstehen.

Eines Tages sagte meine Schwägerin mit höhnischem Lachen: »Was für eine rührend gastfreundliche Hausfrau wir doch haben! Ihr Gast will durchaus nicht weichen. Zu unsrer Zeit hatten wir auch Gäste; aber wir kümmerten uns nicht so ausgiebig um sie — wir waren törichterweise zu sehr in Anspruch genommen durch die Sorge für unsern Gatten. Der arme Nikhil muß es büßen, daß er zu modern ist. Er hätte als Gast kommen sollen, wenn er bleiben wollte. Jetzt sieht es so aus, als ob es für ihn Zeit wäre, zu gehen.«