Dieser Sarkasmus traf mich nicht; denn ich wußte, daß es diesen Frauen nicht gegeben ist, Art und Ursache meiner Hingebung zu verstehen. Das begeisternde Gefühl, meinem Vaterlande Opfer zu bringen, stählte mich damals, daß solche Pfeile mich nicht erreichen und verletzen konnten.
VIII
Seit einiger Zeit ist von der Sache des Vaterlandes gar nicht mehr die Rede. Den Gegenstand unsrer Unterhaltung bilden jetzt die sexuellen Probleme der Gegenwart und ähnliche Fragen, dazwischen etwas Poesie, sowohl altindische wie moderne englische, und das Ganze ist immer begleitet von einer tiefen Grundmelodie, wie ich sie nie vorher gehört habe, voll Männlichkeit und zwingender Gewalt.
Es war so weit gekommen, daß wir jeden Vorwand verschmähten. Wir hatten auch nicht den geringsten Scheingrund dafür, daß Sandip Babu noch immer da blieb und daß ich von Zeit zu Zeit vertrauliche Gespräche mit ihm hatte. Ich war in einem beständigen innern Kampf. Ich war zornig auf mich selbst, auf meine Schwägerin, auf die Einrichtung der Welt, und ich gelobte mir, nie wieder die Frauengemächer zu verlassen, und wenn ich daran sterben sollte.
Zwei Tage lang tat ich keinen Schritt hinaus. Da wurde es mir zum ersten Mal klar, wie weit es mit mir gekommen. Ich fand gar keinen Geschmack mehr am Leben. Was ich auch anrührte, hätte ich am liebsten gleich wieder hingeworfen. Ich fühlte, daß ich wartete, daß alle meine Nerven vom Kopf bis zu den Zehen gespannt waren auf etwas, — auf jemand; mein Blut fieberte vor Erwartung.
Ich versuchte, mich durch Arbeit abzulenken. Der Fußboden des Schlafzimmers war sauber genug, aber ich bestand darauf, daß er unter meiner Aufsicht noch einmal gescheuert wurde. Die Sachen lagen ganz ordentlich in den Schränken; ich zog sie alle heraus und ordnete sie anders. Ich fand am Nachmittag nicht einmal Zeit, mein Haar hochzustecken, ich band es nur lose zusammen und wirtschaftete umher und plagte jeden. Dann fing ich an, in der Vorratskammer zu kramen. Die Vorräte schienen mir sehr zusammengeschrumpft, und das konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, aber ich fand nicht den Mut, irgend jemand dafür zur Verantwortung zu ziehen, denn hätte der sich nicht fragen müssen: »Wo hatte sie denn die ganze Zeit ihre Augen?«
Kurz, ich benahm mich an jenem Tage wie eine Besessene. Am nächsten Tag versuchte ich, etwas zu lesen. Ich habe keine Ahnung, was ich las, aber plötzlich merkte ich, daß ich ganz unbewußt, mit dem Buch in der Hand, den Korridor entlang gegangen war, der zu den Außengemächern führte. Nun stand ich an einem Fenster, der Veranda gegenüber, die sich vor der Zimmerreihe auf der andern Seite des Hofes hinzieht. Es war mir, als ob das eine dieser Zimmer zu einem andern Ufer entwichen wäre und die Fähre aufgehört hätte zu fahren. Es war mir, als sei ich nur noch der Geist von der, die ich vor zwei Tagen gewesen, verurteilt, dazubleiben, wo ich war, ohne doch wirklich da zu sein, und immer sehnsüchtig hinüberstarrend.
Als ich da stand, sah ich Sandip aus seinem Zimmer auf die Veranda treten, eine Zeitung in der Hand. Ich konnte sehen, daß er furchtbar aufgeregt war. Der Hof, das Geländer vor ihm, alles schien seine Wut zu erregen. Er warf die Zeitung hin mit einer Gebärde, als hätte er die ganze Welt zerreißen mögen.
Ich fühlte, daß ich mein Gelübde nicht länger halten konnte. Ich war im Begriff, weiterzugehen, nach dem Wohnzimmer, als meine Schwägerin plötzlich hinter mir stand. »O Himmel, dies setzt allem die Krone auf!« rief sie aus, als sie wieder forthuschte. Danach hatte ich nicht mehr den Mut, weiterzugehen.