Wenn ich am Nachmittage meine Tagesarbeit beendet und mein Bad genommen hatte, steckte ich mein Haar auf, erneuerte das rote Stirnzeichen und legte meinen sorgfältig gefältelten Sari an und dann, nachdem ich mich körperlich und geistig von allen häuslichen Pflichten freigemacht hatte, widmete ich mich zu dieser bestimmten festlichen Stunde ganz dem Einen. Die Zeit mit ihm an jedem Tage war kurz, und doch war sie unendlich.

Mein Gatte pflegte zu sagen, daß Mann und Weib gleich seien in ihrer Liebe, weil sie gleichen Anspruch aneinander hätten. Ich widersprach ihm nicht, aber mein Herz sagte mir, daß die Liebe bei zwei Menschen in Wirklichkeit nie auf gleicher Höhe steht; nur hebt die höhere bei dem Zusammensein den andern zur gleichen Höhe empor. Daher herrscht dauernd die Freude der höheren Liebe; sie sinkt nie auf die Stufe der gemeinen Alltäglichkeit herab.

Mein Geliebter, es war deiner würdig, daß du nie Verehrung von mir erwartetest. Aber wenn du sie gelitten hättest, so hättest du mir in Wahrheit einen Dienst erwiesen. Du zeigtest mir deine Liebe, indem du mich schmücktest, mich ausbildetest, indem du mir alles gabst, um was ich dich bat und um was ich dich nicht bat. Ich sah die Tiefe deiner Liebe in deinen Augen, wenn du mich anblicktest. Ich habe den heimlichen Seufzer des Schmerzes gesehen, den du aus Liebe zu mir unterdrücktest. Du liebtest meinen Körper, als ob er eine Blume aus dem Paradiese wäre. Du liebtest mein ganzes Wesen, als ob die Vorsehung es dir als seltene Gabe anvertraut hätte.

Diese verschwenderische Liebe machte mich stolz und ließ mich glauben, daß der Reichtum, der dich an meine Tür zog, ganz mir gehörte. Aber solche Eitelkeit hemmt nur den Strom der freien Hingabe in der Liebe eines Weibes. Wenn ich als Königin throne und Huldigung fordere, so wächst diese Forderung beständig, sie ist nie befriedigt. Kann eine Frau ihr wahres Glück in dem bloßen Bewußtsein finden, daß sie Macht über einen Mann hat? Das einzige Heil des Weibes ist es, ihren Stolz in Liebe aufzugeben.

Ich muß heute daran denken, wie damals, in jenen Tagen unseres Glückes, die Flammen des Neides rings um uns aufsprangen. Dies war nur natürlich; war ich doch durch bloßen Zufall und ohne mein Verdienst zu meinem Glück gekommen. Aber die Vorsehung läßt den Born des Glückes nicht endlos fließen, wenn die Ehrenschuld nicht immer wieder manchen langen Tag hindurch bezahlt und somit der Besitz des Glückes gesichert wird. Gott gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und festzuhalten, müssen wir selbst haben. Ach um die Gaben, die unwürdigen Händen entgleiten!

Sowohl die Mutter wie die Großmutter meines Gatten waren wegen ihrer Schönheit berühmt gewesen. Und auch meine verwitwete Schwägerin war von seltener Schönheit. Als nun das Schicksal sie dafür so einsam ließ, gelobte die Großmutter, nie zu verlangen, daß ihr einziger Enkel bei seiner Heirat auf Schönheit sähe. Nur die glückverheißenden Zeichen verschafften mir den Eintritt in diese Familie; — sonst hatte ich keinen Anspruch darauf, hier zu sein.

In diesem Hause des Luxus war nur wenigen seiner Frauen die ihnen gebührende Achtung zuteil geworden. Sie hatten sich jedoch an die Art und Weise der Familie gewöhnt und es fertig gebracht, ihren Kopf über Wasser zu halten, getragen von ihrer Würde als Fürstinnen eines alten Hauses, wenn auch ihre Tränen in schäumendem Wein ertränkt und ihr Weinen vom Geklingel der Fußspangen tanzender Mädchen übertönt wurde. War es mein Verdienst, daß mein Gatte keine geistigen Getränke anrührte noch seine Mannheit auf den Weibermärkten vergeudete? Welchen Zauber wußte ich, der den wilden, unsteten Sinn des Mannes bändigte? Es war mein Glück, nichts weiter. Denn meiner Schwägerin gegenüber war das Schicksal sehr gefühllos gewesen. Ihr Festtag war zu Ende, als es noch früh am Abend war, und das Licht ihrer Schönheit erleuchtete umsonst die leeren Hallen und brannte herab, nachdem die Musik längst verstummt war.

Meine Schwägerin begegnete den modernen Anschauungen meines Gatten mit Verachtung. Wie lächerlich, daß er das Familienschiff, das mit dem ganzen Reichtum seines altehrwürdigen Ruhmes beladen war, unter der Flagge solch einer unbedeutenden kleinen Frau segeln ließ! Wie oft mußte ich die Geißel des Spottes fühlen! »Diebin, die sich die Liebe eines Gatten gestohlen, Heuchlerin, die sich unter der Schamlosigkeit ihres neumodischen Putzes verbirgt!« Die bunten modernen Gewänder, mit denen mein Gatte mich zu schmücken liebte, erweckten ihre eifersüchtige Wut. »Schämt sie sich denn gar nicht, ein Schaufenster aus sich zu machen, — und noch dazu bei ihrem Äußern!«

Mein Gatte merkte dies alles, aber seine Sanftmut kannte keine Grenzen. Er bat mich inständig, ihr zu verzeihen.