Aber ich habe diesen Augenblick entschlüpfen lassen. Ich habe nicht mit rücksichtsloser Kraft zugegriffen und mich dessen versichert, was schon fast mein war. Jetzt sehe ich klar, daß es in meiner Natur verborgene Elemente waren, die sich mir offen als Hindernisse in den Weg stellten.

Genau auf dieselbe Weise wurde auch Ravana, der für mich der wahre Held des Ramajana[19] ist, von seinem Schicksal ereilt. Er hielt Sita in seinem Asokagarten in Gewahrsam und wartete, daß sie sich ihm geneigt zeige, statt sie kurzerhand in seinen Harem zu führen. Diese schwache Stelle in seinem sonst so großartigen Charakter machte die ganze Entführungsgeschichte nutzlos. Eine ähnliche Anwandlung von Gewissensskrupeln bewog ihn, seinem verräterischen Bruder nachzugeben, statt vor ihm auf der Hut zu sein, und der Dank war, daß man ihn tötete.

So liegt die Tragik des Lebens im Menschen selbst begründet. Anfangs liegt sie als winziger Keim irgendwo tief unten verborgen, um schließlich doch hervorzubrechen und das ganze Gebäude zum Sturz zu bringen. Die eigentliche Tragik besteht darin, daß der Mensch sich nicht als das erkennt, was er wirklich ist.

VI

So ist es auch mit meinem Verhältnis zu Nikhil. Wenn ich auch weiß, daß er verrückt ist, und über ihn lache, ich kann mich nicht ganz von dem Gedanken frei machen, daß er mein Freund ist. Zuerst wies ich seinen Standpunkt einfach ab, aber neuerdings hat er angefangen, mich zu beschämen und zu versetzen. Daher habe ich versucht, wie früher mit ihm zu diskutieren und dabei den alten begeisterten Ton anzuschlagen, aber er klingt nicht echt. Ja, bisweilen lasse ich mich so weit verleiten, daß ich meine Natur verleugne und so tue, als ob ich seiner Meinung bin. Aber Verstellung liegt nicht in meiner Natur, und auch nicht in der Nikhils; dies eine haben wir wenigstens gemeinsam. Daher ist es mir jetzt lieber, wenn ich ihm gar nicht begegne, und ich habe angefangen, ihm, soviel ich kann, aus dem Wege zu gehen.

Dies alles sind Zeichen von Schwäche. Sobald ein Mensch die Möglichkeit eines Unrechts zugibt, wird es Tatsache und packt ihn an der Kehle, wie sehr er auch versucht, allen Glauben an seine Existenz abzuschütteln. Was ich Nikhil offen sagen möchte, ist, daß man Ereignissen wie diesen als großen Wirklichkeiten ins Gesicht sehen muß, und daß das, was als Wahrheit sein Recht hat, wahre Freunde nicht trennen sollte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß ich tatsächlich schwächer geworden bin. Aber nicht diese Schwäche war es, durch die ich Bimala gewann; sie versengte sich die Flügel an der Glut der Vollkraft meiner rücksichtslosen Männlichkeit. Sobald Rauch diese Glut verdunkelt, wird sie unsicher und verwirrt und weicht zurück. Dann kehrt sich ihr Gefühl gegen mich, und sie möchte mir am liebsten den Kranz, mit dem sie mich geschmückt hat, wieder abnehmen, aber sie kann es nicht; und so schließt sie nur die Augen, um ihn nicht zu sehen.

Doch trotz alledem darf ich nicht von dem Pfad, den ich mir vorgezeichnet habe, abweichen. Ich darf auf keinen Fall die Sache des Vaterlandes im Stich lassen, und am wenigsten im gegenwärtigen Augenblick. Bimala und mein Vaterland sollen mir hinfort eins sein. Der stürmische Wind aus Westen, der dem Lande den Schleier des Gewissens abgerissen hat, wird Bimala den Schleier des Weibes vom Antlitz reißen, und diese Entschleierung wird kein Gebot der Scham verletzen. Wenn das schaukelnde Schiff die Menge über den Ozean trägt und die Fahne des Bande Mataram über ihm flattert, so wird es zugleich die Wiege meiner Macht und meiner Liebe sein.

Bimala wird so verzückt sein, wenn sie die Befreiung ihres Vaterlandes im Geiste schaut, daß ihre Bande von ihr abfallen werden, ohne daß sie sich dessen schämt, ja sogar ohne daß sie es bemerkt. Ganz bezaubert von der Schönheit dieser furchtbaren, zerstörenden Macht, wird sie keinen Augenblick zögern, grausam zu sein. Ich habe in Bimalas Natur die Grausamkeit wahrgenommen, die die wesentliche Kraft alles Seins ist, — die Grausamkeit, die mit ihrer rücksichtslosen Gewalt die Schönheit der Welt wahrt.