»Siddharta legte sein Gelübde allein ab. Ich möchte, daß wir es zusammen tun.«
Wir kamen auf andere Dinge zu sprechen. Bimala ist nämlich im Grunde, was man eine »lady« nennt. Wenn auch ihre Familie nicht in guten Verhältnissen lebt, so ist sie doch eine geborene Fürstin. Sie zweifelt nicht, daß es für die Sorgen und Leiden der niedrigeren Klassen einen andern Maßstab gibt. Natürlich leiden sie beständig Mangel, aber es ist nicht gesagt, daß dies für sie wirklich »Mangel« bedeutet. Sie fühlen sich gerade in ihrer Enge wohl und sicher, wie der Teich in seinen Ufern; wenn ihre Grenzen weitergesteckt werden, kommt nur der Schlamm zum Vorschein.
In Wahrheit teilt Bimala doch nur mein Heim aber nicht mein Leben. Ich hatte sie so vergrößert und ihr einen so großen Platz eingeräumt, daß, als ich sie verlor, mein ganzes übriges Leben mir eng und klein schien. Ich hatte alles andre in eine Ecke geworfen, um Platz für Bimala zu machen, — indem ich ganz dadurch in Anspruch genommen war, sie zu schmücken und zu kleiden und zu erziehen und Tag und Nacht mich um sie zu drehen, und dabei vergaß, wie groß die Menschheit ist und wie kostbar des Menschen Leben. Wenn die Zufälligkeiten des täglichen Lebens anfangen, den Menschen zu beherrschen, so sieht er die Wahrheit nicht mehr und verliert seine Freiheit. Und Bimala nahm diese Zufälligkeiten so peinlich wichtig, daß die Wahrheit sich mir ganz verbarg. Daher sehe ich keinen Ausweg aus meinem Elend und starre nur immer auf den leeren Platz, der mir die Welt bedeutete. Und so klingt mir an diesem Augustmorgen schon stundenlang der alte Kehrreim im Ohr:
»August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
Ach, und mein Haus ist leer.«
Fußnoten:
[20] Henri Frédéric Amiel, Genfer Dichter und Philosoph deutscher Schule (1821-81), besonders bekannt durch die Auszüge aus seinen Tagebüchern, die nach seinem Tode veröffentlicht und ein verbreitetes Erbauungsbuch wurden. (Übers.)
[21] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte Hauptpächter eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.
[22] Der Name Buddhas, bevor er der Welt entsagte.