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Ich saß draußen in meinem Zimmer und hatte mir gerade gesagt, daß es keinen Sinn hätte, wenn ich versuchte zu lesen oder mich irgendwie sonst zu beschäftigen, — es war mir, als ob alle meine künftigen Tage in eine feste Masse zusammenfrieren und sich für immer schwer auf meine Brust legen wollten, — da kam Pantschu, der Pächter eines benachbarten Zemindars[21] mit einem Korb voll Kokosnüsse und begrüßte mich ehrerbietig.

»Nun, Pantschu«, sagte ich. »Was soll denn dies?« Ich hatte Pantschu durch meinen Lehrer kennengelernt. Er war sehr arm, daher dachte ich, der arme Bursche wollte sich durch dies Geschenk ein kleines Trinkgeld verschaffen, um aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu kommen. Ich nahm etwas Geld aus meiner Börse und hielt es ihm hin, aber er wehrte mit gefalteten Händen ab: »Nein, Herr, das kann ich nicht nehmen!«

»Warum nicht, was hast du denn?«

»Lassen Sie mich Ihnen beichten, Herr. Einmal, als ich sehr in Not war, stahl ich ein paar Kokosnüsse aus diesem Garten hier. Ich werde alt und kann jeden Tag sterben, daher bin ich gekommen, um sie Ihnen zurückzuzahlen.«

Amiels Tagebücher hätten mir an jenem Tage nicht helfen können, aber diese Worte Pantschus machten mir das Herz leichter. Es gibt doch noch andere Dinge im Leben als die Vereinigung oder Trennung von Mann und Weib. Darüber hinaus erstreckt sich die große Welt, und man hat erst das rechte Maß für seine eigenen Leiden und Freuden, wenn man mitten in dieser Welt steht.

Pantschu hängt mit großer Verehrung an meinem Lehrer. Ich weiß recht wohl, wie er sich abmüht, um das Notwendigste zum Leben aufzubringen. Er steht jeden Morgen vor Tagesgrauen auf, watet mit seinem Korb voll Betelpfefferblättern, Tabakrollen, farbigem Nähgarn, kleinen Kämmen, Spiegeln und anderm Kram, den die Dorffrauen lieben, durch das knietiefe Wasser des Sumpflandes und geht hinüber zu dem Namasudra-Viertel. Da tauscht er seine Waren gegen Reis ein, wodurch er etwas mehr bekommt, als er dafür bezahlt hat. Wenn er früh genug zurückkommt, geht er, nach einer eiligen Mahlzeit, noch einmal fort zum Konditor, wo er beim Schlagen des Zuckers für die Waffeln hilft. Sobald er heimkommt, setzt er sich hin und macht Schildpattspangen und plagt sich oft dabei bis Mitternacht. Und bei all dieser trostlosen Plackerei verdient er kaum so viel, daß er und die Seinen sieben Monate hindurch zweimal am Tage essen können. Um satt zu werden, trinkt er erst immer eine tüchtige Portion Wasser, und seine Hauptnahrung sind die billigsten und minderwertigsten Bananen. Und doch muß die Familie den übrigen Teil des Jahres mit einer Mahlzeit auskommen.

Ich dachte einmal daran, ihm eine jährliche Unterstützung zu geben, aber mein Lehrer sagte: »Du kannst das harte Los dieses Mannes nicht ändern, du könntest nur ihn selbst mit deiner Gabe verderben. Mutter Bengalen hat nicht nur diesen einen Pantschu. Wenn ihre Brüste ausgetrocknet sind, so kann die Milch, die von außen kommt, das nicht gutmachen.«

Solche Gedanken machen nachdenklich, und ich beschloß, es mir zur Aufgabe zu machen, einen Ausweg aus der Not zu finden. Noch am selben Tage sagte ich zu Bima: »Wir wollen unser Leben daran setzen, die Wurzel dieses Übels in unserm Lande auszurotten.«

»Ich sehe, du bist mein Prinz Siddharta[22]«, erwiderte sie lächelnd. »Aber gib nur acht, daß der Strom deiner Gefühle mich nicht am Ende auch mit hinwegfegt!«