Das Haus, das leer geworden ist, weil die Liebenden sich trennten, ist doch mitten in seiner Leere noch von Musik durchzittert. Aber das Haus, das leer geworden ist, weil die Herzen sich trennten, ist furchtbar in seinem Schweigen. Selbst der Schrei des Schmerzes ist dort nicht am Platz.

Dieser Schmerzensschrei muß in mir zum Schweigen gebracht werden. Solange ich fortfahre zu leiden, wird Bimala nie wahrhaft frei werden. Ich muß sie ganz freimachen, sonst werde ich mich selbst nie von der Lüge befreien können...

Ich glaube, eins habe ich jetzt angefangen zu verstehen. Der Mensch hat die Flamme der Liebe zwischen Mann und Weib so angefacht, daß sie über ihr rechtmäßiges Gebiet hinaus um sich gegriffen hat, und er ihr jetzt nicht mehr Halt gebieten kann. Der Mensch hat aus seiner Liebe einen Götzendienst gemacht. Aber es wird Zeit, daß die Menschenopfer an ihrem Altar aufhören ...

Ich ging heute morgen in mein Schlafzimmer, um ein Buch zu holen. Es ist lange her, daß ich es am Tage betreten habe. Ein Schmerz schnitt mir durch die Seele, als ich mich heute im Licht des Morgens darin umblickte. Am Kleiderriegel hing ein Sari von Bimala, zum Gebrauch fertig geplättet und gekräuselt. Auf dem Toilettentisch stand ihr Parfüm, daneben lagen ihr Kamm, ihre Haarnadeln, und da war auch die Scharlachpaste für das Stirnzeichen! Unten standen ihre goldgestickten kleinen Schuhe.

Einst, in früheren Zeiten, als Bimala ihre Abneigung gegen Schuhe noch nicht überwunden hatte, da brachte ich ihr diese von Lakhnau, um ihr Lust dazu zu machen. Das erstemal wollte sie vor Scham zu Boden sinken, als sie nur damit hinaus auf die Veranda gehen sollte.

Seitdem hat sie manches Paar zu Ende getragen, aber dies Paar hat sie immer wie einen Schatz aufbewahrt. Als ich ihr zuerst diese Schuhe zeigte, neckte ich sie mit einer merkwürdigen Gewohnheit, die sie hatte: »Ich habe dich überrascht, wie du meine Füße ehrfurchtsvoll berührtest, als du glaubtest, daß ich schliefe. Dies ist mein Liebesopfer, das die Füße meiner Gottheit, wenn sie wach ist, immer in Ehrfurcht berühren soll.« Allein sie wehrte erschrocken ab: »Du mußt nicht solche Sachen sagen, sonst werde ich nie deine Schuhe tragen!«

Dies Schlafzimmer, — es hat eine so feine Atmosphäre, die ich bis ins innerste Herz spüre. Ich habe bis heute nie gewußt, wie mein durstendes Herz seine Wurzeln ausgestreckt und sich um jeden einzelnen vertrauten Gegenstand geklammert hat. Ich sehe, es genügt noch nicht, wenn ich die Hauptwurzel ausreiße, um mein Leben zu befreien. Selbst diese kleinen Schuhe halten mich fest.

Mein wandernder Blick fiel auf die Nische. Mein Bild da blickt noch ebenso wie immer, obgleich die Blumen, die es schmückten, längst welk und trocken sind. Von allen Dingen im Zimmer sind sie mit ihrem Gruß allein aufrichtig. Sie sagen mir, daß sie nur noch da sind, weil es nicht der Mühe lohnte, sie fortzunehmen. Doch mag es sein; ich will die Wahrheit willkommen heißen, wenn sie auch in so dürrer und trostloser Gestalt mir erscheint, und will auf die Zeit hoffen, wo ich imstande sein werde, so unbewegt und ruhig auf alles hinzublicken, wie mein Bild da oben in der Nische.

Als ich noch dastand, trat Bimala hinter mir ein. Ich wandte hastig meinen Blick von der Nische ab zu dem Bücherregal und murmelte: »Ich wollte mir nur Amiels Tagebücher[20] holen.« Wozu brauchte ich ihr freiwillig eine Erklärung zu geben? Ich fühlte mich wie ein Übeltäter, ein Eindringling, der ein Geheimnis, das er nicht wissen soll, ausspäht. Ich konnte Bima nicht ins Gesicht sehen und eilte schnell hinaus.