»Es hat keinen Zweck, über diese Dinge zu streiten,« mischte sich mein Lehrer ein. »Wie können die, die die Wahrheit nicht in sich fühlen, einsehen, daß das höchste Ziel des Menschen ist, sie aus ihrer Verborgenheit ans Licht zu bringen, statt beständig materielle Werte anzuhäufen?«

Sandip lachte. »Vortrefflich!« sagte er. »Eine Rede, ganz wie sie sich für einen Schulmeister gehört. Diese Weisheit kenne ich aus Büchern, aber in der wirklichen Welt habe ich gesehen, daß die Hauptbeschäftigung der Menschen die Anhäufung von materiellen Werten ist. Die, welche Meister in dieser Kunst sind, kündigen in ihrem Geschäft die größten Lügen an, tragen mit ihren breitesten Federn falsche Rechnungen in ihre politischen Hauptbücher ein, lassen täglich lügenstrotzende Zeitungen vom Stapel und schicken Prediger in die Welt, die ihre Lügensaat verbreiten wie Fliegen die Pestkeime. Ich bin ein bescheidener Schüler dieser Großen. Als ich zur Kongreßpartei gehörte, trug ich nie Bedenken, zehn Prozent Wahrheit mit neunzig Prozent Lüge zu verdünnen. Und wenn ich jetzt auch nicht mehr zu der Partei gehöre, so habe ich darum doch nicht die grundlegende Tatsache vergessen, daß das Ziel des Menschen nicht die Wahrheit, sondern der Erfolg ist.«

»Der wahre Erfolg,« verbesserte mein Lehrer.

»Meinetwegen,« erwiderte Sandip, »aber die Frucht wahren Erfolges reift nur auf dem gut geackerten Felde der Lüge. Die Wahrheit aber wächst von selbst, wie das Unkraut und die Dornen, und nur Würmer können Frucht von ihr erwarten.« Damit eilte er aus dem Zimmer.

Mein Lehrer lächelte, als er mich ansah. »Weißt du, Nikhil,« sagte er, »ich glaube, Sandip ist nicht ohne Religion, seine Religion geht nur auf die Kehrseite der Wahrheit, gleich wie der dunkle Neumond auch sein Licht hat, wenn auch an der verkehrten Seite.«

»Darum auch eben,« stimmte ich zu, »habe ich auch immer eine Zuneigung zu ihm gehabt, obgleich wir uns nie einigen konnten. Selbst jetzt kann ich mich nicht über ihn entrüsten, obgleich er mich tief verletzt hat und es vielleicht noch mehr tun wird.«

»Das ist mir klar geworden,« sagte mein Lehrer. »Ich habe mich lange gewundert, daß du immer noch mit ihm Geduld hattest; ja, mitunter war ich geneigt, es als Schwäche an dir zu tadeln. Jetzt sehe ich, daß ihr beiden, wenn ihr euch auch nicht reimt, doch denselben Rhythmus habt.«

»Einen Reim brauche ich nicht, da mein Schicksal sich doch zu einem ›Verlorenen Paradies‹ zu gestalten scheint!« bemerkte ich, sein Wortspiel aufnehmend.

»Aber was soll mit Pantschu werden?« fragte mein Lehrer.