Jetzt gilt es, die Polizei zu bestechen und Mirdschan Schweigegeld zu zahlen. Und dabei ist gar kein Zweifel, daß viel von den Kosten dieses patriotischen Unternehmens als Profit in die Taschen von Nikhils Verwalter wandert. Doch ich muß für den Augenblick ein Auge zudrücken, denn ruft er nicht sein Bande Mataram ebenso kräftig wie ich?
Diese Arbeit muß immer mit lecken Gefäßen getan werden, die die Hälfte auslaufen lassen. Wir alle haben einen geheimen Fonds von sittlichem Urteil in uns aufgespart, und so wollte ich mich schon über den Verwalter entrüsten und in meinem Tagebuch eine Tirade gegen die Unzuverlässigkeit meiner Landsleute loslassen. Aber wenn es einen Gott gibt, so muß ich dankbar anerkennen, daß er mir einen scharfblickenden Verstand gegeben hat, der sich selbst und die Dinge um sich herum klar durchschaut. Ich kann wohl andre täuschen, aber nicht mich selber. Daher konnte auch mein Zorn nicht standhalten.
Was wahr ist, ist weder gut noch böse, sondern einfach wahr. Ein See ist nur das übriggebliebene Wasser, das nicht vom Boden eingesogen wurde. Auf dem Grunde des Bande-Mataram-Kultes, wie überhaupt auf dem Grunde aller weltlichen Dinge ist eine Schlammschicht, mit deren aufsaugender Kraft man rechnen muß. Der Verwalter nimmt sich, was er braucht, wie auch ich mir nehme, was ich brauche. Diese kleineren Forderungen bilden einen Teil von dem, was die große Sache fordert, — das Pferd muß gefüttert und die Räder müssen geölt werden, wenn man gut vorwärts kommen will.
Das Lange und Breite von der Sache ist, daß wir Geld haben müssen, und das bald. Wir müssen es nehmen, wo wir es am leichtesten bekommen können, denn wir können es uns nicht leisten zu warten. Ich weiß, daß wir uns dadurch um größeren Gewinn bringen können; daß die 5000 Rupien von heute vielleicht die 50000 von morgen im Keim ersticken. Aber ich muß es daraufhin wagen. Habe ich nicht oft neckend zu Nikhil gesagt, daß die, welche auf den Pfaden der Entsagung wandeln, gar nicht wissen, was Opfer heißt. Wir begehrlichen Menschen sind es, die bei jedem Schritt ihre Begierden opfern müssen!
Von den Todsünden ist die Begierde für die, die wirklich Männer sind, aber die Illusion, die nur für Schwächlinge ist, hemmt sie. Denn diese macht, daß sie ganz von der Vergangenheit und Zukunft eingenommen sind, aber sie hat eine verteufelte Art, ihre Schritte in der Gegenwart zu verwirren. Solche, die immer gespannt auf den Ruf aus der Ferne horchen und dadurch den Ruf des Augenblicks überhören, sind wie Sakuntala[26], die sich in Träumen von dem Geliebten verlor. Unerwartet kommt der Gast und schleudert den Fluch, der sie gerade um das bringt, was sie ersehnen.
Neulich drückte ich Bimalas Hand, und jene Berührung regt ihre Seele noch auf, wie sie auch in mir nachzittert. Wiederholung darf dies Gefühl nicht abstumpfen, denn dann würde zu etwas verstandesmäßig Bewußtem herabsinken, was jetzt ganz Gefühl und Musik ist. Augenblicklich ist in ihr kein Raum für die Frage »Warum?«.
Daher darf ich Bimala, die eins von den Geschöpfen ist, die die Illusion nicht entbehren können, nicht ihres vollen Anteils daran berauben.
Was mich betrifft, so habe ich soviel anderes zu tun, daß ich mich für den Augenblick damit begnügen muß, von dem Becher der Leidenschaft nur zu nippen. O Mensch der Begierde! Zähme deine Gier und übe deine Finger auf der Harfe der Illusion, bis sie ihren Saiten alle Töne der Verführung entlocken! Jetzt ist noch nicht die Zeit, den Becher bis auf den Grund zu leeren.