Ich quälte meinen Bruder so sehr, daß er sofort alles bestellte, was zu einer vergnügten Hochzeit gehört.

Die ganze Zeit schwatzte ich in einem fort lustig von der Braut, von dem bevorstehenden Fest und was ich tun wollte, wenn die Braut ins Haus käme. ‚Und, Doktor,‘ fragte ich, ‚werden Sie nun noch fortfahren, den Leuten den Puls zu fühlen?‘ Hahaha! Wenn man auch nicht sehen kann, was in einem Menschen, besonders in einem Mann, vorgeht, so will ich doch darauf schwören, daß meine Worte den Doktor wie Dolchstöße ins Herz trafen.

Die Hochzeitsfeierlichkeit sollte spät am Abend stattfinden. Bevor der Doktor aufbrach, sollte er mit meinem Bruder draußen auf der Terrasse ein Glas Wein trinken, wie sie es alle Tage zu tun pflegten. Der Mond war gerade aufgegangen.

Ich kam lächelnd zu ihnen und sagte: ‚Haben Sie denn Ihre Hochzeit vergessen, Doktor? Es ist Zeit aufzubrechen.‘

Ich muß hier noch eine Kleinigkeit erwähnen. Ich war inzwischen in die Apotheke hinunter gegangen und hatte ein kleines Pulver geholt, das ich unbemerkt in des Doktors Glas geschüttet hatte.

Der Doktor leerte sein Glas auf einen Zug und sagte dann mit vor Erregung erstickter Stimme und mit einem Blick, der mir in die Seele schnitt: ‚Dann muß ich fort.‘

Die Musik begann zu spielen. Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich in meine Brautgewänder von Seide und Gold. Ich nahm meine Juwelen und Schmucksachen aus dem verschlossenen Schrank und legte sie alle an; ich malte das rote Abzeichen meiner Frauenwürde auf den Scheitel meines Haares. Und dann bereitete ich mir unter dem Baum im Garten mein Lager.

Es war eine wundervolle Nacht. Der sanfte Südwind küßte die Müdigkeit der Welt hinweg. Der Duft des Jasmins und der Quittenblüten füllte den Garten mit berauschender Freude.

Als die Klänge der Musik leiser und leiser wurden und das Licht des Mondes blasser und blasser; als die Welt mit ihren altvertrauten Vorstellungen von Heim und Verwandten meinem Bewußtsein wie ein Traum zu entschwinden begann, – da schloß ich die Augen und lächelte.

Ich glaubte, daß, wenn die Leute kommen und mich finden würden, jenes Lächeln noch auf meinen Lippen weilen würde wie die Spur von rotem Wein, daß ich jenes Lächeln mit mir nehmen und daß es mein Antlitz verklären würde, wenn ich so hinüberschlummerte in mein ewiges Brautgemach. Aber ach, wo blieb das Brautgemach? Wo die Brautgewänder von Seide und Gold? Als ich von einem rasselnden Geräusch in mir erwachte, fand ich drei kleine Buben, die an meinem Skelett Osteologie lernten. Wo einst in meinem Busen Freude und Leid pochten und die Blütenknospen der Jugend sich eine nach der andern erschlossen, da war jetzt der Lehrer geschäftig mit seinem Zeigestock und zählte meine Knochen auf. Und jenes letzte Lächeln, das ich mir so sorgfältig einstudiert hatte, haben Sie davon eine Spur bemerkt?