KANTITSCHANDRA war noch jung, doch nachdem ihm seine Gattin gestorben war, suchte er keine zweite Gefährtin, sondern gab sich ganz seiner Leidenschaft für die Jagd hin. Sein Körper war lang und schlank, zäh und behende, sein Blick scharf, seine Hand verfehlte nie das Ziel. Er ging wie ein Landmann gekleidet, und seine Gefährten waren der Wettkämpfer Hira Singh, der Sänger Khan Saheb, Mian Saheb, Tschakkanlal und viele andere. An müßigen Begleitern fehlte es ihm nicht.

Im Monat Agrahayan[25] jagte Kanti mit einigen Jagdgefährten im Sumpfgebiet von Naidighi. Sie waren in Booten, und ein ganzes Heer von Dienern, gleichfalls in Booten, füllte die Badestufen. Die Dorffrauen fanden es fast unmöglich, zu baden oder Wasser zu holen. Den ganzen Tag lang erzitterten Land und Wasser von den Schüssen ihrer Flinten, und Abend für Abend scheuchte ihre Musik den Schlaf hinweg.

Eines Morgens, als Kanti in seinem Boot saß und seine Lieblingsflinte reinigte, wurde er plötzlich durch einen Schrei wie von einer wilden Ente aufgeschreckt. Als er aufsah, erblickte er ein Dorfmädchen, das zwei weiße junge Enten im Arm hielt und sich dem Wasser näherte. Der kleine Fluß stand fast ganz still, da viele Schlingpflanzen seinen Lauf hemmten. Das Mädchen setzte die Vögel ins Wasser und bewachte sie ängstlich. Augenscheinlich war die Nähe der Jäger die Ursache ihrer Unruhe und nicht die Wildheit der Enten.

Die Schönheit des Mädchens war von einer seltenen Frische und Unberührtheit, als ob sie eben erst aus der Werkstatt Wischwakarmans[26] hervorgegangen wäre. Es war schwer, ihr Alter zu erraten. Ihre Gestalt war fast die eines Weibes, aber ihr Antlitz hatte einen Ausdruck von so kindlicher Reinheit, daß man sah, die Eindrücke der Welt hatten in ihrer Seele noch keine Spur hinterlassen. Sie schien selbst nicht zu wissen, daß sie die Schwelle des Jungfrauentums erreicht hatte.

Kanti hatte mit dem Reinigen seiner Flinte aufgehört. Er saß da, wie von einem Zauber gebannt. Solch Antlitz hätte er nie an solchem Ort zu finden erwartet. Und doch paßte seine Schönheit besser in diese Umgebung hinein als in die Pracht eines Palastes. Eine Knospe ist lieblicher am Zweig als in einer goldenen Vase. Das blühende Schilf glänzte im Herbsttau und in der Morgensonne, und in diesem Rahmen erschien das frische, jugendreine Antlitz dem entzückten Auge Kantis wie ein heiliges Tempelbild. Kalidasa hat vergessen zu besingen, wie Schivas Gattin, die Bergkönigin selbst, zuweilen zum jungen Ganges herabstieg mit ebensolchen jungen Entlein im Arm. Während er noch in ihren Anblick versunken war, fuhr das Mädchen erschrocken zusammen, und einen halbartikulierten Schmerzensschrei ausstoßend, ergriff sie hastig die Enten und barg sie an ihrer Brust. Im nächsten Augenblick hatte sie das Flußufer verlassen und war in dem nahen Bambusdickicht verschwunden. Als Kanti sich umsah, erblickte er einen seiner Leute, der mit einer ungeladenen Flinte auf die Enten zielte. Er sprang sofort auf ihn zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Der verblüffte Spaßmacher beendete seinen Spaß am Boden. Kanti fuhr mit dem Reinigen seiner Flinte fort.

Aber die Neugier ließ ihm doch keine Ruhe und trieb ihn zu dem Dickicht, in dem er das Mädchen hatte verschwinden sehen. Als er sich hindurchgearbeitet hatte, befand er sich auf einem Bauernhofe, der von der Wohlhabenheit des Besitzers Zeugnis gab. An einer Seite war eine Reihe Scheunen mit kegelförmigen Strohdächern, an der andern ein reinlich gehaltener Kuhstall, an dessen Ende ein Jujubenstrauch wuchs. Unter dem Strauch saß das Mädchen, das er am Morgen gesehen hatte, und schluchzte über eine verwundete Taube, in deren gelben Schnabel sie aus dem feuchten Zipfel ihres Gewandes etwas Wasser zu tropfen versuchte. Eine graue Katze hatte die Vorderpfoten auf ihr Knie gestemmt und sah verlangend nach dem Vogel, und hin und wieder, wenn sie sich zu weit vordrängte, wies das Mädchen sie durch einen warnenden Schlag auf die Nase wieder an ihren Platz.

Dies kleine Bild, im Rahmen des in der Mittagsstille friedlich daliegenden Bauernhofes, verfehlte nicht seinen Eindruck auf Kantis empfängliches Herz. Unter dem zarten Laub des Jujubenstrauches huschten die Lichtkringelchen hin und her und spielten auf dem Schoße des Mädchens. Nicht weit davon lag eine Kuh behaglich wiederkäuend und wehrte mit trägen Bewegungen ihres Kopfes und Schwanzes die Fliegen ab. Der Nordwind flüsterte leise im nahen Bambusdickicht. Und sie, die ihm in der Morgenfrühe am Flußufer wie die Waldkönigin erschienen war, erschien ihm jetzt im Schweigen des Mittags wie die Gottheit des Hauses, die sich voll Erbarmen über ein leidendes Geschöpf neigte. Kanti, der mit seiner Flinte in ihr Bereich eingedrungen war, überkam ein Gefühl der Schuld. Er fühlte sich wie ein Dieb, der auf frischer Tat ertappt war. Es drängte ihn, ihr zu sagen, daß nicht er es war, der die Taube verletzt hatte. Als er noch so dastand und nicht wußte, wie er beginnen sollte, rief jemand vom Hause her: „Sudha!“ Das Mädchen sprang auf. „Sudha!“ rief die Stimme noch einmal. Sie nahm ihre Taube und lief hinein. „Sudha!,“ dachte Kanti, „welch ein passender Name!“[27]

Er kehrte zu seinem Boot zurück, gab seine Flinte einem seiner Leute und ging zu der vorderen Tür des Hauses. Dort fand er einen Brahmanen von mittleren Jahren, mit einem friedlichen, glattrasierten Gesicht, der auf einer Bank vor dem Hause saß und in seinem Erbauungsbuch las. Kanti fand auf seinem gütigen ernsten Antlitz etwas von der Mildherzigkeit wieder, die aus dem des Mädchens leuchtete.

Kanti trat grüßend näher und sagte: „Darf ich um etwas Wasser bitten, Herr? Ich bin sehr durstig.“ Der Brahmane hieß ihn mit eifriger Gastfreundlichkeit willkommen, und nachdem er ihn zum Niedersitzen auf die Bank genötigt, ging er hinein und brachte eigenhändig einen kleinen Zinnteller mit Zuckerwaffeln und einem zinnernen Krug mit Wasser.

Nachdem Kanti gegessen und getrunken hatte, bat der Brahmane ihn, ihm seinen Namen zu sagen. Kanti nannte seinen und seines Vaters Namen und seinen Wohnort. „Wenn ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein kann, Herr,“ fügte er in der üblichen Weise hinzu, „so werde ich mich glücklich schätzen.“